Rote Teufel und weiße Heilige

Rote Teufel und weiße Heilige

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Nordamerika beginnt mit einem der größten Raubzüge der Geschichte. Denn das Land, das sie inzwischen besitzen, gehörte ihnen so wenig, wie es - sagen wir im nächsten Jahrhundert - den Afrikanern, Indern oder Chinesen rechtmäßig gehören würde, eroberten es die.

  • Doch was heißt rechtmäßig schon?
  • Was ist schon Recht?

Recht ist Gewalt. Aus Gewalt entsteht Recht. Aus Recht entsteht Gewalt. Es ist, soweit wir sehen, nie anders gewesen - außer eben in den USA.

Was Montaigne, Samuel Hearne und andere Forscher über die Indianer berichten

Alles, was wir heute die "Vereinigten Staaten von Amerika" nennen, war Eigentum der Indianer. Ihre Ahnen, in grauer Vorzeit über die Beringstraße gekommen, bevölkerten das gesamte Gebiet. Jeder Landstrich wurde von ihnen bewohnt, selbst die Salz wüsten von Utah. In zahlreiche unabhängige Stämme gegliedert, waren sie als Gruppen absolut frei und die legitimen Herren des Kontinents - große, gut gewachsene, kräftige Menschen, und die oft bescheidenen Bedingungen ihres Daseins mögen ihre Gesundheit noch gefördert haben.

Die Indianer empfanden die Natur als beseelt, als lebendes Wesen. Sie fühlten sich eins mit ihr, verwandt mit Tieren und Bäumen.

Und alles gehörte allen. Alles war Teil einer "gemeinsamen Mutter", von der man zwar lebte, gewiss, aber mäßig, die man schonte, auch schützte. Sammler waren sie und Jäger, doch sammelten und jagten sie nur das Notwendigste. Und sie kannten die krassen sozialen Unterschiede der Christen nicht. Als deshalb, so Montaigne, Karl IX. in Rouen drei (brasilianische) Indianer nach dem für sie Merkwürdigsten am Leben der Weißen fragte, führten sie, schreibt der große Franzose, unter drei Dingen auch an, "dass es unter uns üppige, mit allen Annehmlichkeiten gesättigte Menschen gebe, und dass ihre anderen Hälften" - so benannten sie die Menschen bezeichnenderweise - "von Armut und Hunger ausgemergelt, bettelnd vor ihren Türen stünden; und fänden es verwunderlich, wie diese derart bedürftigen Hälften eine solche Ungerechtigkeit ertragen könnten und dass sie nicht die anderen an der Gurgel packten oder Feuer an ihre Häuser legten."

David Thompson, um 1800 jahrzehntelang Kontakte mit vielen Indianern pflegend, nennt diese "sanft und sittsam", von "großer Freundlichkeit und Rücksicht" im Umgang. "Hat einer bei der Jagd kein Glück gehabt oder hat er seine wenigen Habseligkeiten durch irgendein Missgeschick verloren, so darf er sicher sein, dass er von den anderen unterstützt wird, soweit es nur in ihrer Kraft steht. In der Krankheit sorgen sie füreinander bis zum letzten Atemzuge."

Die Geschichte der Indianerausrottung freilich wurde von Weißen verfaßt. Wie vieles also mögen sie unterdrückt, verschwiegen, wie vieles ganz anders empfunden haben als ihre Opfer. Anders philosophiert das Pferd über die Peitsche, sagt Theodor Lessing, anders der Fuhrmann. Doch noch manche Überlieferung der Weißen selbst verbürgt die Hilfsbereitschaft, die Verlässlichkeit der allermeisten derer, die man dann liquidierte.

extinguisher 64

Als 1607 Kapitän John Smith die (kraft königlicher Order Jakobs I. entstandene) Kolonie Virginia mit drei Schiffen besuchte,

ließ er deutsche Zimmerleute ein Haus für den Häuptling der Pocahonta-Indianer, Powhatan, bauen, denn Smith verdankte ihm sein Leben. Der Indianerhäuptling Massassoit, der mit den "Pilgervätern" einen Nachbarschafts-Vertrag schloss, brach diesen vierzig Jahre nicht, bis zu seinem Tod. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hört Baron von Reck von den aus Salzburg verjagten Protestanten in Georgia "nur Gutes" über die Indianer. "Wenn sie etwas versprechen, dann halten sie ihr Wort; sie würden eher sterben als davon abzugehen." Und im späteren 18. Jahrhundert bekennt Samuel Hearne, der "Klassiker der amerikanischen Ethnologie", von seinem Reisebegleiter und -führer Matonabbees, einem nördlichen Indianer, er habe selten Christen getroffen, die mehr gute und weniger schlechte moralische Qualitäten aufwiesen als Matonabbee.

Die Indianer waren empfindlich, sogar sentimental, auch grausam. Sie kannten die Folter. Sie kannten und praktizierten auch den Krieg; nach Osten hin mit wahrer Leidenschaft, mit Bösartigkeit schlimmster Art. Allerdings beschränkten ungeschriebene Gesetze oft die gegenseitigen Verluste, um den Fortbestand der häufig kleinen Stämme zu sichern. Und mag die Behauptung, zwei Drittel aller nordamerikanischen Indianervölker seien Pazifisten gewesen, übertrieben sein, so übten doch manche, wie die Pueblos, nur die Verteidigung aus. Und einige Gemeinschaften, die Heuschreckensammler von Nevada etwa, waren praktisch Pazifisten. Auch wurde im Nordwesten jeder Indianer, der im Krieg einen Feind getötet hatte, einem Mörder gleichgesetzt und den für Mörder vorgeschriebenen Reinigungszeremonien unterworfen.

Der schon genannte David Thompson, der im späten 18., im frühen 19. Jahrhundert

den roten Mann eingehend beobachtet, betont zwar dessen Recht auf Vergeltung sowie die Achtung, die es ihm verschafft. "Doch", fährt Thompson fort, "im allgemeinen verabscheut er das Blutvergießen, und wenn ihn irgendeine traurige Notwendigkeit dazu zwingt, was manchmal der Fall ist, gilt er als ein unglücklicher Mensch. Derjenige jedoch, welcher aus Absicht einen Mord begangen hat, wird mit Abscheu behandelt und gilt als einer, vor welchem das Leben keines Menschen sicher ist, da ein böser Geist von ihm Besitz ergriffen hat."

Viele Indianerstämme waren fraglos weit weniger kriegerisch als die Invasoren, die schon deshalb leichtes Spiel mit den "savages", den "Wilden", hatten, deren Lehrmeister sie nicht zuletzt im Töten, im skrupellosen, unbegrenzten Töten wurden. "Unsere indianischen Verbündeten", schreibt der Puritaner Underhill in seiner Geschichte der Kriege der Pequoten, "haben unsere Art zu kämpfen sehr bewundert; sie fanden bloß, dass wir zu heftig waren und zu viel töteten." Doch dafür war man Christ.

  • Und da man im Christentum stets nach der "Haltet den Dieb!"

Schrei-Methode verfuhr, war man selber der Dieb, da man stets von eigener Schande abzulenken suchte, indem man auf die anderer wies, sie meist noch schlimmer machte, oft ungeheuer übertrieb, so behaupteten einige Jesuiten, allein die Irokesen, ein besonders kriegerisches Volk, hätten zwei Millionen Indianer umgebracht; eine ganz unmögliche Zahl, zumal sie selbst, vieles andere beiseite, seit je ein kleiner Stamm gewesen, der zumindest zuletzt nur rund 2500 Krieger hatte.

Jesuiten waren es auch, die bald Ähnlichkeiten zwischen dem Großen Geist oder Manitu der Indianer und dem Teufel bemerkten, so dass man die Eingeborenen der Teufelsanbetung bezichtigte, was ihre eigene Verteufelung nur fördern konnte.

Für die Räuber ihres Landes wurden sie die roten Teufel, deren nächste Verwandte übrigens, wie man heute annimmt, die Chinesen, für viele Amerikaner des 20. Jahrhunderts die gelben Teufel wurden. Denn alles, was nicht ins Konzept passt, sich als Widerpart erweist, muss verdammt, verteufelt und als Teufel natürlich bekämpft und womöglich vernichtet werden.