Rechte mit der Flinte

Rechte mit der Flinte

Die Invasoren waren aggressiv und sendungsbewusst. Besitzgier und Religion, Expansionstrieb und Welterlösungsvisionen saßen in ihren Köpfen von früh an fest. Als Pioniere, Siedler, Händler waren sie scharf auf Boden, Geld, Gold, Einfluss, Macht. Als Christen waren sie gut und fromm und wollten nur das Beste - für sich natürlich. Sie waren extrem selbstgerecht und sichtbarlich von Gott gesegnet. Die USA wurden das Land der "Freien und Gleichen", indem die Eindringlinge die Ureinwohner, die rechtmäßigen Besitzer - die sie Ende des 18. Jahrhunderts "Ausländer" nannten! - blutig-brutal unterdrückt, vertrieben, ermordet und die Schwarzen - die, wie man damals sagte, "anderen Personen" - versklavt haben.

Die ersten Neger wurden bereits 1619 importiert.

Das Elend des Transports bei dieser "christlichen Seefahrt" darf man sich nicht einmal vorstellen! Doch allmählich begann das Geschäft mit dem, was übrig blieb, zu blühen. Die Afrikaner schufteten für die weißen Masters. Und galt der Indianer sozusagen als wildes Tier, wurde der Schwarze ein domestiziertes, eine Art Haustier. Im späten 18. Jahrhundert trafen auf gut drei Millionen Weiße in USA bereits 700 000 Schwarze. Und so kommen zu Millionen massakrierten Indianern noch wenigstens - für Gesamtamerika - 50 bis 60 Millionen Schwarze, die dem Sklavenhandel erlagen.

Auf diesen beiden Ruhmestaten, auf der fast vollständigen Vernichtung der Indianer und der über noch mehr Millionen Leichen gehenden Ausbeutung der Schwarzen, beruht dieser stolze Staat, auf einem mörderischen Raubzug, lauter Blut und Leichen und lauter fremdem Besitz. Denn auf gigantischen Landdiebstahl, Raubbau, Betrug läuft das Ganze hinaus. Auf das, was der US-Theologe Reinhold Niebuhr "das räuberische Selbstinteresse" des Kapitalismus nennt. Dabei spielte es sich ganz schlicht und selbstverständlich ab; nach dem US-Historiker Joe Frantz einfach derart, "dass man nahm, was zu nehmen war". Rangierte doch der Indianer für den weißen Edelmenschen "irgendwo unterhalb des Hundes". Es war eine Landnahme wie einst die israelitische in der Bibel (und die im 20. Jahrhundert, die man schon deshalb mit so viel Einfühlung, Verständnis stützt). Nur unvergleichlich grandioser war sie; doch ganz genauso gut, genauso gottgewollt. Es war, so US-Historiker David Brian Davis, "eine einzige Vergewaltigung nach dem Grundsatz: Alles ist erlaubt". Es war, so US-Historiker Donald Worster, "eine Katastrophe in Weltformat".

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Die Invasoren hatten keinerlei Skrupel, die Einheimischen abzuschlachten, auszumorden, Männer, Frauen, Kinder.

Und alles - in Gottes Namen. Das macht bekanntlich (zugegeben: auf der ganzen Welt) die Gewissen noch reiner! Man führte einen 350jährigen Kampf. Und selbst nach der definitiven Regelung des Raubes, der so genannten Hoheitsfrage - wirklich, ein schönes Wort dafür -, ging der Kampf weiter.

Und wie er von Gott gesegnet war und seinen Dienern, so selbstverständlich auch von der profaneren Obrigkeit. Schon der zweite US-Präsident, John Adams, schrieb 1812: "Wir sehen kaum einen Indianer mehr im Jahr ... Noch ein Sieg, und er wird sie für immer zum Schweigen bringen (quiet them for ever). Das wird ein großer Segen sein für sie und uns". Ein Sieg ist immer ein Segen für die Besiegten, wenn die Sieger Amerikaner sind ...

Adams richtete seinen Brief 1812 an Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der USA, Jefferson war "Indianerfreund". Wirklich hatte er versichert: "Ihr könnt euch stets auf den Rat und die Hilfe der Vereinigten Staaten verlassen". "Ihr Land und ihr Eigentum soll ihnen niemals genommen werden ..." Doch das Wort eines US-Präsidenten ist - mehr noch als das aller anderen - Schall und Rauch, schnurz und piepe. Denn bald waren die Indianer "die wilden Tiere" für Jefferson, und er drohte: "Wir werden gezwungen sein, sie wie die Tiere aus den Wäldern in die Felsengebirge zu treiben". Und: "Nichts wird diese Unglücklichen so dezimieren wie der Krieg, der in ihr Land getragen wird. Aber der Krieg wird dort nicht Halt machen. Er wird nie aufhören, sie zu verfolgen, solange noch einer von ihnen übrig ist, diesseits des Mississippi".

1825 erklärte Staatssekretär Clay: "Ihre Auslöschung ist unvermeidlich und kein großer Verlust".

"Schießen, wenn sie auf Schussnähe herankommen!", galt lange Zeit als Faustregel an der Grenze. Kurz, weithin waren die amerikanischen Militärs, die Politiker, die Beamten für Ausrottung oder doch rücksichtslose Unterdrückung der roten Rasse. Und selbstverständlich waren es auch alle, die Gewinnsucht und Habgier, "greed and avarice", immer weiter vorwärts trieben, bis sie faktisch alles besaßen und die ursprünglichen Besitzer faktisch nichts mehr. Und dies Land will der Welt Freiheit bringen, Demokratie! Will sie Moral lehren, Recht! Will "die Ketten zerbrechen", sie "glücklicher" machen, "retten", "bis alle Menschen vom Hunger befreit und gegen Krankheit geschützt sind"! Will ausgerechnet gar die Kluft zwischen weißen und farbigen Rassen restlos beseitigen - ja, was haben ihre Präsidenten uns nicht schon vorgelogen! Als ließe ihre ganze Geschichte, von Anbeginn bis heute, auch nur den leisesten Zweifel daran, dass sie jedes Volk, egal welches, vernichten werden wie die Indianer, wenn es ihnen ernsthaft im Weg steht und auch vernichtet werden kann.

Die Zahl der indianischen Bevölkerung vor Invasion der Weißen ist sehr umstritten. Die Angaben schwanken zwischen wenigen Hunderttausend und vielen Millionen. Nach eher vorherrschender Ansicht der Gelehrten aber lebten zu Anfang des 17. Jahrhunderts, also bei Beginn des mörderischen Raubzugs an der Ostküste Nordamerikas, etwa acht Millionen Menschen. Nach Abschluss der gloriosen "Landnahme" lebten nur noch 350000. Eine genaue Zahl sichert die Volkszählung von 1901: 270000 Indianer. Dies die große Pioniertat! Anders gesagt: der "rugged individualism", das "big killing".

Der allergrößte Teil der Indianer, dies ist unbestritten, fiel den Nordamerikanern zum Opfer; entweder direkt, durch Massaker, Abschlachtung, oder indirekt, durch Hunger, Elend, Epidemien. Und gab es auch immer wieder Offiziere, Beamte, Geistliche, die sich für die Indianer engagierten, die Masse des Militärs, des Klerus, der Beamten, die Regierung, das Volk war gegen sie. Und die heutigen Indianer haben wohl recht, von einem gewollten Rassenmord zu sprechen. Ein Großteil der amerikanischen Intelligenz, der Gelehrtenwelt, sieht das nun ähnlich; erklärt es als "Ausrottung" der Indianer, als "Vernichtung", "Menschenjagd" (man-hunt), "Genocid". - "Lange vor Vietnam taten wir das gleiche mit den Indianern" (Stan Steiner).

  • Und nicht nur einmal wurde dies Blutbad mit der Judenbeseitigung Hitlers verglichen. Ermordeten die Amerikaner ebenso viele Indianer?
  • Oder mehr?

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Und wenn es weniger waren - ihnen ermangelte noch Hitlers Technik.

Ich erinnere mich auch nicht, je gelesen zu haben, dass die faschistischen Banditen den Juden massenhaft Bäuche aufschlitzten, Augen ausstachen, die Genitalien, die Brüste abschnitten (die erzkatholischen Kroaten des Pavelić ausgenommen, schlimmere Galgenvögel als die SS!). Die Nordamerikaner aber taten dies hundertweise den Indianern an. Fest steht auch: selbst auf dem Gipfel seiner Verbrechen hatte Hitler nicht annähernd so viel Land geraubt wie die Angloamerikaner in der Neuen Welt.

  • Hitler konnte nicht mehr rauben?

Gewiss. Und die Amerikaner konnten eben. Darum geht es ja.

Über Hitler klärten uns - das hat viel Geld gekostet - die Amerikaner auf. Nicht ganz, natürlich. Sie verschwiegen, dass sie selbst ihn finanzierten. Großzügig, sehr großzügig: seine Wahlen, seine Rüstung - und (damit auch) seinen Antisemitismus! Doch dazu werden sie noch lange schweigen. Auch ihre Indianervertilgung (die Quelle ihres Reichtums und ihrer Armut!) übergehen ihre Zeitungen, ihre Schulbücher noch im 20. Jahrhundert meist. Und in den Fernseh-, den Filmprogrammen figuriert der Indianer noch immer als der rote Teufel, der "bad guy", der nur Heimtücke und Kriegsgeschrei kennt, nur Brandfackel und Skalpmesser, Tomahawk und Tortur.

Rühmt doch auch der US-Informationsdienst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch: "Das waren handfeste Grenzer, die sich Land nahmen, wo es ihnen gefiel, und ihre Rechte (!) mit der Flinte - und mit endlosen Bibelsprüchen - verteidigten ..." Rühmt der US-Informationsdienst doch die "Kraftquelle von unschätzbarem Wert". Rühmt er doch "scharfe Augen und zuverlässige Flinten ... So musste ein zupackender selbstsicherer Menschenschlag heranwachsen, der Wege durch die Wildnis zu bahnen ... lernte." Rühmt er doch:

"Sie glaubten an wahre Volksvertretung, Religion und Bildung und stellten die Vorhut der Zivilisation im Kampf gegen die weiter und weiter zurückgedrängte Wildnis dar."