Muss Heuchelei dort weit verbreitet sein

Muss Heuchelei dort weit verbreitet sein

Schon Mitte des 19, Jahrhunderts sah US-Finanzminister Robert Walker die Expansion der Vereinigten Staaten von einer "höheren Macht" geleitet, sah er dies große und glückliche Land als Modell "für alle Nationen" erwählt. Und ähnlich erschienen Präsident Woodrow Wilson (1913-1921) die USA durch die Vorsehung "zur einzigen idealistischen Nation auf Erden ausersehen" und mit dem "Vorrecht" begnadet, "die Welt zu retten". Fast mit der Attitüde des biblischen Jesus in dem - gefälschten - Taufbefehl bei Matthäus - darum gehet hin und lehret alle Völker - animiert Wilson im Weißen Haus US-Unternehmer: "... und dann gehen Sie hinaus in die Welt, verkaufen Sie Güter, mit denen die Welt glücklicher werden kann, und bekehren Sie die Welt zu amerikanischen Prinzipien."

Denn nie denken sie nur an das eigene Land, in dem es bekanntlich von Armen wimmelt, von Armeen von Armen, in dem die Unterschiede zwischen Reich und Arm größer sind als irgendwo sonst. Nein, sie denken generös stets an den ganzen Planeten (mitunter gar, im "Krieg der Sterne"- Projekt etwa, darüber hinaus). So versicherte Präsident Johnson den Völkern, seine ganze Kraft "der Schaffung einer großen, weltweiten Gesellschaft zu widmen, in der alle Menschen vom Hunger befreit und gegen Krankheit geschützt sind, in der sie sich geistig entfalten können und nicht mehr der Entwürdigung durch körperliches Elend ausgesetzt sind." Nicht genug, der Präsident wollte sogar die Trennung in reiche und arme, in weiße und farbige Völker gänzlich aufheben ... Der "American way of life" soll die Welt genesen lassen mit Lucky Strike, mit Ketchup, mit Coke und Pop und Rock und anderen Ausgeburten ihrer geistigen Überlegenheit. Mit Raketen.

helmet 64

Fast durch das ganze 20. Jahrhundert beanspruchen ihre Präsidenten die Führung der Welt,

gelegentlich auch unter der Flagge des Evangeliums. Ja, weil, wie Woodrow Wilson betont, sogar Jesus Christus die Welt nicht gerettet, nicht bisher jedenfalls, schlägt er, Wilson, ein "praktisches Schema" der Nachfolge Jesu vor, eine gute, die beste Sache, Jesu Ziel zu erreichen. "Ich weiß, dass die ganze Welt ihr Herz verliert, wenn sich Amerika weigert, ihr den Weg zu weisen ... Wir können nicht zurück ... Wir folgen der Vision. Dies ist, wovon wir seit unserer Geburt träumten: Amerika soll in Wahrheit den Weg weisen ... Amerika wurde geschaffen, um die Welt zu führen."

Um aber dies Ziel, Jesu Ziel, zu erlangen, beansprucht Wilson für die USA (nicht nur einmal) das Recht von Gewaltanwendung - natürlich bloß der Freiheit, des Guten, Schönen, der Menschenrechte wegen. "Wenn Menschen die Waffen ergreifen, um andere Menschen zu befreien ..., dann ist der Kriegszug heilig und gesegnet. Ich will nicht nach Frieden rufen, solange es in der Welt die Sünde und das Böse gibt."

Ja, solange Sünde und Böses hier herrschen, ist Frieden selber Sünde, braucht man den Krieg. Nur um den Frieden zu schaffen, versteht sich, Frieden und Gerechtigkeit. Das wusste auch Wilsons Vorgänger Theodore Roosevelt: "Am Ende kann der zivilisierte Mann nur Frieden finden, wenn er seinen barbarischen Nachbarn unterdrückt." Und in diesem Sinn, dem hehrsten und nur scheinbar verheerenden, fordert auch Atombombenwerfer Truman 1952 für die Macht des Guten die "Führungsrolle", die "Gott der Allmächtige uns anvertraute". Doch habe Amerika, das "helle Leuchtfeuer der Hoffnung", so Präsident Kennedy, auch "das Recht auf die moralische Führung dieses Planeten". Und, versichert Watergate-Strolch Nixon, seine "Nation unter Gott" könne auch "der Welt geistige Führung geben ..."

  • Politische, moralische, geistige Führung - fehlt da nicht immer noch was?
  • Die geschäftliche vielleicht?

Oh nein. Die religiöse Seite der Sache fehlt natürlich; das heißt sie fehlte, träten die US-Menschheitsbeglücker

nicht auch als Weltmissionare auf, nicht zuletzt in allen Kriegen. Denn gerade da muss Gott, der Allgütige, mitkämpfen, dabei sein, bei viel geringeren Nationen schon, bei ihnen aber besonders. Bei ihnen, höhnt der Franzose Julien, spielt Gott "die Hauptrolle in diesem großen Kampf um die Freiheit". Und da bei ihnen sogar "das Staatsoberhaupt gläubig" ist, schloss Juliens berühmter Landsmann bereits, der Historiker A.C. Graf de Tocqueville, der "democratie en Amerique" immerhin vier Bände widmend, "muss Heuchelei dort weit verbreitet sein."

Natürlich braucht Nordamerika heute Raketen und Atombomben, das Beste vom Besten - das schafft Arbeitsplätze (und schließlich, im Ernstfall, schafft es auch Raum, viel Raum auf dieser ohnehin immer engeren Welt).

  • Und stets schon brauchte man Handel und Wandel, stets auch ein bisschen Krieg - "a nice little war"!

"Der Welthandel muss uns gehören", verlangt schon US-Senator Beveridge.

"Mit unseren Handelsschiffen werden wir die Ozeane befahren, und werden eine Kriegsmarine schaffen, die unserer Größe entspricht." Und unmittelbar darauf - denn Handel, Krieg und Religion kohärieren da noch inniger als anderwärts:

"Das amerikanische Gesetz, die amerikanische Ordnung, die amerikanische Zivilisation werden an jenen Ufern Wurzeln schlagen, die bis heute blutbesudelt waren und in der Finsternis der Unwissenheit leben, doch sie werden gesegnet und glücklich sein unter dem Wirken dieser Kräfte, die aus Gott fließen."