Intoleranz, Prüderie und Heuchelei

Intoleranz, Prüderie und Heuchelei

Die eigentliche Heimat des Puritanismus wurden jene sechs im Nordostzipfel der USA liegenden Neuenglandstaaten Maine, Newhampshire, Vermont, Massachusetts, Rhode Island und Connecticut, die im 17. Jahrhundert vorwiegend englische Puritaner besiedelten, später auch Schotten und Iren. Neben Virginia wird Neuengland lange Zeit der geistige wie politische Mittelpunkt der USA, und Massachusetts ist sozusagen der Mutterstaat Neuenglands.

In Massachusetts, wo 1630 ein "Bibel-Commonwealth" entstand und innerhalb eines Jahrzehnts 65 Prediger eintrafen, waren weder Toleranz gefragt noch Demokratie. Vielmehr begründeten die Puritaner, enge, zelotische Sektierer, eine Theokratie reinsten Wassers. Nur Bürger konnten Mitglied der Kirche werden - und über ihre Zulassung entschied der Klerus; die Zahl der Begünstigten betraf bloß ein Fünftel oder Sechstel der männlichen Bevölkerung. Auch die Gesetzgebung, die moralische wie politische, bestimmten die Pastoren. Einer ihrer Artikel in dem 1641 angenommenen "Body of Liberties" sah für Atheismus sogar Todesstrafe vor.

Puritaner, die liberaler dachten, waren selten und wurden verfolgt.

Der Geistliche und Jurist Roger Williams zum Beispiel, der, 1635 vor den Obersten Gerichtshof zitiert und des Landes verwiesen, bei den Indianern auf Rhode-Island Zuflucht fand. Hatte er doch das Volk gegen seine Oberhäupter aufgestachelt, die Trennung von Staat und Kirche, von den Kirchen Neuenglands verlangt, ja, Massachusetts' königlichen Freibrief für null und nichtig erklärt. Denn das Land, das der König geschenkt, gehöre ihm gar nicht, und die Indianer, die rechtmäßigen Besitzer, seien weder gefragt noch entschädigt worden. Das alles war ganz richtig. Andererseits aber war Roger Williams eben doch ein Pfaffe, der 1643 in England just jenen Freibrief sich erbat, den er einst verworfen. Und kam damit wieder und lebte noch 35 Jahre im Herrn.

1644 werden vom General Court der Massachusetts Bay-Kolonie alle Baptisten verbannt. 1649 verpflichtet die Synode den weltlichen Arm, Abgötterei, "Ketzerei", überhaupt das Äußern lästerlicher Meinungen zu ahnden.

Die Puritaner, einer Welt entstammend, wo man schließlich sogar die Geschlechtsteile von Hunden oder die (an Damenbeine erinnernden!) Füße eines Klaviers verhängen oder die Bücher einer Bibliothek nach männlichen und weiblichen Verfassern getrennt aufstellen konnte, trieben die Kasteiung, zumindest nach außen, auf die Spitze. Noch so harmlose Vergnügen wie Spielen, Tanzen, Trinken waren verpönt, zumindest an Feiertagen strikt verboten. Ganze Ausgeburten neuer Teufel kreierten ihre Köpfe, befeuerten ihre Höllenpredigten, Karten- und Spiel-, Tabaks- und Bier-, Putz- und Tanz- und Theaterteufel etc. "Der Gott, der euch über der Höllengrube hält, geradeso wie einer eine Spinne oder ein ekliges Insekt über das Feuer hält", donnert ein Prediger seiner Gemeinde ins Gewissen, "verabscheut euch und ist fürchterlich beleidigt; sein Grimm gegen euch brennt wie Feuer; er findet euch zu nichts anderem würdig als ins Feuer geworfen zu werden ..."

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Das Verhalten der Geschlechter beäugten die Pfaffen mit nie nachlassendem Argwohn.

Unverheiratete, die in Neuengland miteinander schliefen, wurden gepeitscht oder mit glühenden Eisen gebrandmarkt. Ja, "scharf" peitschte man einen gewissen John Daroe bereits, weil er "beinahe" mit einer der geilen Indianerinnen im Biberkleid geschlafen hätte. Und Thomas Morten, den Dichter, Freund der Tiere und Bäume, der "Mädchen im Biberkleid" auch, schoben die Puritaner, denen schon sein Lachen missfiel, erst recht wohl seine Konkurrenz im Pelzgeschäft, zweimal nach England ab; das zweite Mal nachdem sie sein Haus völlig niedergebrannt, ihn selbst gefoltert, eingekerkert und gegen den "Lord der Unordnung" die Todesstrafe beantragt hatten. Verhängte man sie doch schließlich über jeden, der mit der Frau eines andern, gleich ob weiß oder rot, "a carnal copulation" geübt, wandte das Gesetz freilich nicht an. Aber es bedrohte alle - und wie viele schöne "Sünden" mögen so unterblieben sein!

  • Die Prüderie blühte im Land, auch die Heuchelei.

Noch im späteren 18. Jahrhundert unterbindet Gouverneur Moses Norton jeden Verkehr seiner Männer mit Eingeborenenfrauen - ist aber nicht nur selbst Sprössling eines Briten und einer Indianerin, sondern frönt auch höchstpersönlich dem Verkehr mit roter Haut. So berichtet jedenfalls der unter ihm dienende Samuel Hearne, den seinerseits freilich die Indianerinnen gleichfalls "des Nachts warm halten"; dito seine Genossen. Von dem Gouverneur aber schreibt Hearne:

"Er hielt sich fünf bis sechs der schönsten indianischen Mädchen, die er nur finden konnte",

tat jedoch "alles, was nur in seinen Kräften stand, um zu verhüten, dass ein Europäer Umgang mit Indianerinnen hätte ... und immer trug er eine Schachtel mit Gift bei sich, um denen, die ihm ihre Weiber und Töchter verweigerten, eine Dosis verabreichen zu können. Bei all diesen Eigenschaften gab er sich größte Mühe, anderen Tugend, Moralität und Enthaltsamkeit einzuschärfen." Die Eifersucht und Rachgier der Indianer habe er "in den schwärzesten Farben" geschildert, selber indes zwei seiner Frauen in der Meinung vergiftet, sie hätten "mehr Neigung zu anderen, jüngeren Mannspersonen". Ein Puritaner, wie er im Buch steht, in dem des Klassikers der amerikanischen Ethnologie.

Aber war alles in der Neuen Welt so unduldsam wie in der Alten?