Die Puritaner gehen an Land

Die Puritaner gehen an Land

In großen Scharen kamen die Puritaner, Calvinisten der strengsten Art. Puritaner hießen sie, weil sie auf größter "Reinheit" ihrer Religion bestanden, auf Befreiung "von allen unbiblischen Zusätzen und päpstlichen Greueln". Sie litten unter den Bedrückungen durch Königin Elisabeth L, die Könige Jakob I., Karl I. Sie litten unter dem noch immer starken Einfluss des Papismus auf die Anglikanische Kirche. Sie litten unter dem Erzbischof von Canterbury, William Laud, geradezu der Kopf der Tyrannei; ein eifriger Verfechter des geistlichen wie staatlichen Absolutismus, gelehrt zwar, doch hart, rachsüchtig, ein Gegner von Puritanern und Calvinisten, die ihn katholischer Neigungen verdächtigten; zuletzt ein Opfer der Volkswut, der Puritaner, der Politik; 1641 wird er in den Tower geworfen, 1645 geköpft.

Erst recht zog es die "Dissenters" von England fort, alle sich nicht zur etablierten Staatskirche bekennenden Christen, die im 17. Jahrhundert unter den Stuarts manches auszustehen hatten: Presbyterier, Baptisten, Methodisten, Deisten, Quäker. Im neuen Erdteil erhofften sie politische und religiöse Freiheit, ein neues Kanaan, das gelobte Land.

England seinerseits suchte durch die Emigranten nicht nur den Staatssäckel zu füllen,

sondern auch allerei übles Volk loszuwerden, Arme, Kriminelle, Katholiken. Richtern und Gefängnisbehörden legte man nahe, Verurteilte in die Neue Welt abzuschieben statt in den Kerker. Geschäftstüchtige Kapitäne gingen, nützten ihre Versprechungen nichts, bis zum offenen Menschenraub. Und auch die Kirche verhieß natürlich, verhieß viel, und drang in die Schäfchen, jenseits des Meeres, Gottes Wort zu verkünden, das allein wahre, klar. So lockte man besonders in Hafenstädten und auf Kanzeln zur Auswanderung. "Das Eingeborenenland muss zum geheiligten Land werden", posaunt man in einem Aufruf.

"Ihr werdet die Grenzen des Königreiches, ja, die Grenzen des Himmels erweitern." Und wie stets in solchen Fällen verheißt man irdischen wie himmlischen Lohn. (Nur nicht knausern mit Verheißungen; das bringt nichts. Niemandem! Das Verheißen bringt wenigstens den Verheißenden was).

Während aber in Spanien, Portugal, Frankreich der Staat die überseeische Expansion stark begünstigt, sogar veranlasst, entspringt sie in England zunächst der Privatinitiative. Und bezeichnenderweise sind Sir John Popham und Sir Ferdinando Gorges, die 1606 von Britannien aufbrechen, Vertreter des Handels, einer Nord- oder Plymouth-Kompanie und einer Süd- oder London-Kompanie. Sie ergattern auch gleich die Konzession für einen 100 Meilen breiten Küstenstreifen von der Hudsonmündung bis zur Chesapeak-Bucht. Doch zerstritten sich die Einwanderer bald, Seuchen und Hunger schlugen zu.

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Von 105 Ankömmlingen in Jamestown lebten im nächsten Jahr bloß noch 32.

Die britischen Händler freilich, die Fehlinvestitionen scheuten wie der Teufel das Weihwasser, schickten neue Schiffe. Und sank die Zahl der Zuwanderer auch von 500 rasch wieder auf 60, neuer Nachschub kam. 1619 kauft man in Jamestown von einem holländischen Zweimaster die ersten Schwarzafrikaner als Sklaven. Und bald verhökert man auch 150 "ehrbare junge Frauenzimmer" gegen Virginia-Tabak.

Es handelte sich also von Beginn an, wie Karl Kraus sagen würde; jawohl, es handelte sich ... Jährlich überquerten jetzt 1200 Neueinwanderer den Atlantik; Hütten, Häuser, Plantagen entstanden. 1690 betrug die Bevölkerung bereits eine Viertelmillion. Und von da an verdoppelte sie sich etwa alle 25 Jahre.

1775 waren es bereits mehr als zweieinhalb Millionen, 1800 mehr als fünf Millionen, 1850 über 23 Millionen, 1900 fast 76 Millionen.