Die Nation unter Gott

Die Nation unter Gott

Wirklich erfüllt ein erhabener Messianismus ihren Geist und ihre Welt - besonders aber ihren Wortschatz. Wie fast nirgendwo versteht man es da, die Politik, die Geschäfte, den Frieden und den Krieg in würdige Worte zu wickeln - Neville Chamberlain, der britische Premierminister, meinte gar immer wieder, dass US-Politik bloß aus "Worten" bestehe. Ja, nirgends auf Erden - Rom ausgenommen - versteht man es so, alles und jedes derart auf hohle Phrasen zu pfropfen, dass jeder, der da nicht mitspielt, der Zweifel bekommt, Verdacht schöpft, sich wie ein Schuft vorkommen muss.

Mit hehrsten Gedanken begleiten US-Präsidenten ihr Tun, ihre Taten oder Untaten (hier meist identisch),

mit ausdrücklichem Bezug auf Gott, die Bibel, das Christentum - von Benjamin Franklin, der göttlichen Beistand erfleht für das Gelingen einer Krämer-Revolution, über McKinley, der zur Eroberung der Philippinen auszieht, um sie "zu christianisieren", bis zu dem Atombombenschmeißer Truman, der in der Bibel "die Grundlagen" der amerikanischen Verfassung erblickt: bis zu dem Vietnamkämpfer und "Jünger Christi"-Mitglied Lyndon B. Johnson, der "nie einen Trennstrich" ziehen lassen will "zwischen der Macht, die wir besitzen, und Gott, der tief in unseren Herzen ruht"; bis zu dem Ganoven Nixon, der seine Nation die "Nation unter Gott" nennt; bis zu dem Hollywood-Mimen Reagan, der die USA als "goldene Hoffnung für die ganze Menschheit" feiert, als "die letzte große Hoffnung des Erdenmenschen"; der behauptet, dass "Gott, der seine Gnade auf dieses Land gießt, immer auf uns blickte und uns als das Land führte, das das Land der Verheißung ist", "das Land, das nie dafür bestimmt war, das zweitbeste Land zu sein".

  • Und warum?

Auch das wusste der Schauspieler: "Weil die Amerikaner weitaus religiöser sind als die Menschen in anderen Ländern."

In der Tat, die Nation, die egoistisch und materialistisch ist bis zum Extrem, zum Exzess, sie ist auch "religiös" wie kaum eine zweite.

Der Egoismus ist hier noch heiliger als anderwärts.

Und zugleich wird Tugend groß geschrieben und Gottesfurcht, wie nirgends. "Jeder für sich und Gott für uns alle". Gott darf, wie im Krieg, so auch beim Krieg im Frieden, nie vergessen werden. Das bekommt zumindest den Begüterten eines Staates, in dem ein halbes Prozent der Reichsten zweieinhalb mal mehr besitzen als 90%, 212 Millionen, Sonstiger.

94% der US-Bürger glauben an Gott, 89% beten regelmäßig und 88% halten noch heute die Bibel für Gottes Wort - ein hoher Intelligenzausweis. Zwei Drittel der Erwachsenen wissen sich "im Glauben neu geboren". Und noch etwas mehr als zwei Drittel sind überzeugt, später "in den Himmel zu kommen". 40% eilen einmal wöchentlich zur Kirche oder Synagoge. Gleichwohl werden Religionsfragen in der Presse meist nicht diskutiert. Es gibt zu viele Kirchen und Sekten (nur ein Unterschied im Wort natürlich, nicht in der Sache), denen man dabei zu nahe treten und sich selbst das Geschäft, das Zeitungsgeschäft, vermasseln könnte.

Denn das Geschäft, jedes Geschäft, geht noch über die Religion; nur sagt man das nicht, doch jedermann weiß es. Und jedermann weiß auch oder sollte es wissen, dass auch die Religion ein Geschäft ist, ein in ganz USA unbestritten wichtiges Geschäft. Sie gehört zur Aufrechterhaltung des Ganzen, der so genannten Ordnung und so genannten Moral. Zwar gibt es keine Staatskirche - die letzten Einzelländer verloren den Charakter als Staatskirche im früheren 19. Jahrhundert. Doch alle Kirchen genießen Steuerfreiheit. Denn alle machen sich um den Staat verdient: sie verkündigen die Heilsbotschaft, das Christentum.

chat 64

Schon nach dem Ersten Weltkrieg belebten dort clevere Kleriker das geistliche Leben selbst durch Bastelkurse,

Sporthallen, Schwimmbäder. In Büchern suchte man Christus als gerissenen Geschäftshai attraktiv zu machen, etwa in Bruce Bartons The Man Nobody Knows (1925). Und offenbar trafen hier auch Episteln nach Art von Werbespots mitten ins Herz, beispielsweise eine Predigt über die hl. Dreifaltigkeit, betitelt: Three-in-One Oil. Yankees haben Geschmack.

  • Die Welt weiß es.

Auch ohne Staatskirche sind diese Kirchen, besonders die großen, eng mit Staat und Politik verfilzt.

Es gibt bei Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine Militärgeistliche, die auch von den Streitkräften bezahlt werden, von einer Armee, in deren Reihen noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von 387 befragten Rekruten nur 229 wussten, dass es ein Altes und ein Neues Testament gibt. Und 204 konnten keinen einzigen Namen der Apostel Jesu nennen. Ein Atomunterseeboot aber taufte man "Corpus Christi", eine Raketen-Generation (an sich schon eine vitale Prägung) "peace-maker". Sogar im Senat und Repräsentantenhaus gibt es einen Stab von Parlamentsgeistlichen. Und zumindest nach außen sollen US- Präsidenten eine gewisse "Frömmigkeit" bekunden; das ist nur vorteilhaft. Nicht wenige bekannten sich so ganz deutlich zu ihrer "Religion" - unter den neueren etwa Eisenhower, Kennedy, Ford, Carter, letzterer ein "Wiedergeborener Christ".

Nun wechseln zwar viele US-Bürger mehrmals im Leben die Kirche, doch stets selbstverständlich aus Überzeugung.

Und wenn auch nach Will Herberg, dem Religionssoziologen, mehr als die Hälfte all der "religiösen" US-Amerikaner beteuern, ihr Glaube habe "auch nicht den geringsten Einfluss auf ihr wirtschaftliches und politisches Denken und Handeln", so steht doch fest - und nur dies interessiert hier -, dass Gott bei all ihren Großunternehmungen einfach dabei ist.

Was immer sie bei ihren Interventionen, Expansionen, Annexionen taten und tun, es geschah und geschieht mit Gott dem Herrn und zum Allerbesten der Überfallenen oder sonstwie Heimgesuchten: ob sie ausländische Staatsmänner bestechen, ihre Geheimdienste schicken, sich Militärbasen schaffen, ob sie begehrte Länder und Absatzmärkte ökonomisch an sich reißen, ob sie sie kurzerhand rauben, Hawaii etwa, Samoa, die Midway Islands, die Philippinen, ob sie Staaten, die sie nichts angehen, mit Krieg überziehen, Managua, Mexiko, Laos, Vietnam, Kambodscha, die Dominikanische Republik, immer taten und tun sie es zuerst um Gottes Willen, dann für die Freiheit, die Demokratie, die Zivilisation, und schließlich auch ein wenig für den Handel. Alles aber stets zum Wohle aller.

Denn gerade weil sie so viel religiöser, viel frömmer sind als der Rest der Welt, sind sie auch so viel großzügiger, uneigennütziger, sind sie ebenso auf andere als auch auf sich bedacht. Alles geschieht nur, um jedermann zu beglücken, zu befrieden, um teilnehmen zu lassen an den Segnungen Amerikas. Ja, die ganze Welt soll werden wie sie, eine Art Abziehbild von "God's own country". Man will Frankfurt, so Neil Postman, in Omaha/Nebraska verwandeln, "wenn sie wissen, was ich meine, und wir machen das".

wall 64

Aus purer Selbstlosigkeit. Und nicht mit Gewalt. Oh, nein. Kriege führten nur die Europäer.

Und die hasste man für ihre periodischen menschlichen Schlachthöfe, ihre "barbarischen Eroberungsorgien". Die fochten, zerstörten, raubten nur, um ihre Länder zu erweitern, um sich zu bereichern. "Sie haben eben den Instinkt der Landgier seit vierhundert Jahren im Blut", erklärt Franklin D. Roosevelt, "und können es sich einfach nicht vorstellen, dass es Nationen gibt, die ihn nicht haben Und selbst dann keinen Landzuwachs wünschen, wenn sie ihn bekommen könnten." Wie eben das edle Amerika. Es geht fürsorglich durch die Geschichte, sich aufopfernd, und wenn es zuschlägt, zuschlagen muss, leider, leider, so nur im Interesse auch der anderen.

Dieses Land kennt nur drei Argumente, drei Kräfte, drei Ideale: Gewalt, Geld und Heuchelei. - Das alles erinnert an einen anderen Staat, an den kleinsten der Welt. Nicht zufällig haben sich die Präsidenten von "God's own country" und die "Stellvertreter Christi" im 20. Jahrhundert einander immer mehr genähert. Verzehren sich die Häupter beider Seiten doch um nichts als den Frieden, das Heil der Gesellschaft, Gerechtigkeit, das Wohl der Welt. Sind doch alle Menschen, nach Jeffersons Unabhängigkeitserklärung, "als Gleiche geschaffen, sie sind vom Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet. Dazu gehört das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf die Verfolgung ihres Glückes, das Recht auf pursuit of happiness". Ja, nichts andres kümmert sie im Grunde als der allgemeine Fortschritt, der Segen aller, wenn man gewisse Passagen ihrer Verfassung, ihrer Bill of Rights, die Reden ihrer Führer liest und ihre Geschichte nur richtig zu sehen und zu deuten weiß. Das ist beinah wie mit der Bibel, den Botschaften der Päpste, der Kirchengeschichte. Da die Religion der Liebe, der Freude, des Friedens, dort die pax americana ...

Die USA, die, seit es sie gibt, allen anderen Moral predigen, um ihre eigenen Greuel zu kaschieren, entstanden selbst auf dem Boden nackter Gewalt: durch Ausmordung der Roten und Versklavung der Schwarzen - die Basis ihrer ganzen Freiheit und Demokratie: blutige "Realpolitik" und bigottes Geschwätz.

"Das Unmoralische, das ist Amerika.

Mit dem Unmoralischen hat es begonnen ..." W. C. Williams. Nein, das würde ich gar nicht sagen, keinesfalls, zumal Letzteres nicht. Aber: Mit dem Unmoralischen haben sie es weiter gebracht, getrieben als alle zuvor.

Die Päpste wieder beiseite, die sie denn auch überleben werden - an der Seite der nächsten Starbanditen, der nächsten, der übernächsten Gangster von "historischem" Format.