Die Gründungslegende

Die Gründungslegende

So weit, so gut. Oder auch nicht. Denn etwas fehlte. Etwas zum Vorzeigen. Die ganze Art der frühen Besiedlung, diese nur kalkulatorische, bloß auf Gewinn versessene Besitzergreifung ermangelte sozusagen der höheren Weihe. Ja, dies dauernde Hinundher von Menschen, Ware, Geld, dies ja noch in den allerbescheidensten Anfängen steckende ständige Gefeilsche und Geschufte, Ausnehmen und Einnehmen, Unter- und Überbieten, Umschlagen und Aufschlagen, vom Totschlagen vorerst zu schweigen - kurz, all dies, doch nichts als mit "rein Irdischem und Zeitlichem" befasste Tun kleiner, mehr oder weniger gerissener Geschäftemacher, Spekulanten, Strauch- und Glücksritter, das alles erschien den Yankees später nicht mehr so angemessen, nicht so ganz nach dem bekannten guten Geschmack, der sich bei ihnen immer mehr entwickelte, nicht mehr würdig genug des großen Auftakts, erschien ihnen denn doch etwas profan, banal, ordinär fast.

Man könnte auch sagen:

einfach der Wirklichkeit zu gemäß, als dass es Anlass zur Erbauung, zum Aufblick, zu Edlerem, Schönerem hätte sein können. Nein, alles, das ganze große gute Werk, es musste von Anfang an anders, erhabener, würdiger, weihevoller, musste zwar durchaus energisch, angriffig, sehr angriffig, aber auch fromm, christgläubig, ja, musste aus dem Glauben heraus begonnen haben, kurz: mit Gott. Etwa im Sinne des innigen alten, ja schon seit 1494 bekannten Verses aus Sebastian Brants Narrenschif, Nr. 65 V. Verachtung d. gstirns: "All unser wort, werk, tun und lon / Uß got, in got allein sol gon."

  • Ja, so etwa, in diesem Sinn.

Ergo ließ und lässt man die ersten britischen Eindringlinge in Nordamerika, Leute, denen es bloß um schnödes Geld und Gut ging und um sonst nichts, gern etwas in der Versenkung verschwinden: die ersten Kolonisten unter Sir Walter Raleigh etwa, der 1579 da erstmals anreiste, auf seiner zweiten Fahrt am 26. Juli 1584 bei der Insel Wocokom ankerte, bald aufs Festland überging und es seiner jungfraulichen Königin Elisabeth zu Ehren Virginia nannte, womit er den Grund zu den englischen Kolonien legte. Virginia war die älteste dauernde britische Niederlassung in Nordamerika und die erste jener 13 Kolonien, woraus im nächsten Jahrhundert die Vereinigten Staaten von Nordamerika entstanden.

Gut zwei Jahrzehnte später kam noch ein gewisser John Smith im Auftrag einer Handelskompanie nach Virginia und gründete 1608 Jamestown. Aber weder von diesem noch jenem macht man viel Wesens. Smith war ein simpler Kapitän; sein Jamestown erinnerte später nur an den Sieg der Briten über die Nordamerikaner unter Lafayette. Und der edle Walter Raleigh verbrachte seinen langen Lebensabend im Tower und wurde 1618 als angeblicher Hochverräter geköpft - ganz wie Bischof Laud und so manche Bösewichte noch.

wallet 64

Nein, mit solchen Leuten war vielleicht vorübergehend etwas Staat zu machen,

aber man konnte nicht dauernd aufblicken zu ihnen. Das Höhere fehlte.

Deshalb erinnerte man sich, geht es um den feierlichen Augenblick der ersten Besiedlung, lieber an Männer, die zwar erst eine ganze Generation nach Sir Raleigh kamen und immer noch 13 Jahre nach dem Kapitän Smith, die aber so viel geeigneter waren - die "Pilgerväter". Sie brachten den Ruch der Religion, des Heiligen, des Himmels mit, jene gewisse Gloriole, in der sich ein Staat wie die Staaten, eine Nation wie die Nordamerikaner einfach wohl fühlen konnte, wohl fühlen mußte, da ihnen so angemessen, so ganz und gar auf Haupt und Glieder zugeschnitten. Ja, die tugendsamen, auf Gott bauenden, auf Gott vertrauenden "Pilgrims" waren es, die 1620 die "Pilger"-Kolonie New Plymouth gegründet und noch an Bord ihres Prominentenpottes in dem so genannten Mayflower-Gelöbnis ihre künftigen Staatsgrundsätze niedergelegt hatten.

Noch heute nennt Amerikas meistverbreiteter Fremdenführer Plymouth in Neuengland "the first permanent English settlement in America". Der Felsen, an dem das pilgerväterliche Schiff, die "Mayflower", berühmter als Kolumbus' "Santa Maria", im Winter 1620 vor Anker gegangen sein soll, ist nun eine Art Nationaldenkmal, ein Kultobjekt. Aber die Landung an dem Felsen von Plymouth wird zum ersten Mal 136 Jahre später erzählt, kein einziges zeitgenössisches Dokument spricht davon, triftige Gründe sprechen vielmehr dagegen. Ganz beiseite, dass der inzwischen von einem Marmordach bedeckte Stein wiederholt abgebrochen, verlagert, vergraben und zersägt worden ist.

Sogar der Name "Pilgerväter" (Pilgrims) kam erst viel später, erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts auf,

als man aus dem Buch von William Bradford History of Plimoth Plantation, die er jahrzehntelang geleitet, den Satz entnahm: "They knew they were pilgrims". Die "Pilgerväter" selbst nannten sich schlicht und in echt christlicher Demut "Heilige". Fast der ganze Kult Amerikas mit den "Pilgervätern" beruht auf Übertreibungen und Unwahrheit. Er erinnert fatal an den christlichen Wunder- und Reliquienglauben.

In Wahrheit waren die "Pilgerväter" Nonkonformisten, Separatisten, und so wurden sie auch genannt. Sie waren Kongregationalisten, standen theologisch dem Calvinismus nahe und hatten sich als "Ketzer" von der Anglikanischen Staatskirche getrennt. Sie waren aus den Puritanern hervorgegangen, lehnten aber deren presbyterianische Kirchenverfassung ab. Das Bischofsamt war für sie eine Erfindung Satans, das Kreuzzeichen ruchlos, Weihnachten ein heidnischer Aberglaube. Und Aberglaube galt ihnen nichts. Deshalb raubten sie auch kaltblütig die an den indianischen Gräbern den Todesgottheiten geopferten gelben, schwarzen und roten Maiskörner und verwendeten sie als Saatgut. Ihre Heiligkeit hatte sie ja auch nicht gehindert, einen Vertrag mit einer Handelskompanie zu schließen, die dann durch die Heiligen neun Zehntel ihres Kapitals verlor. Und die Heiligen hatten auch keine Skrupel, in Neu-Plymouth, ihrer "Burg Zion", ein kleines Fort mit fünf Kanonen zu errichten. Der Segen der Alten Welt gehörte auch in die Neue.

Die "Pilgerväter" vermittelten den künftigen Amerikanern ihre eifernde Bigotterie, ihren Messianismus, ihren Glauben, "Gottes eigenes Land" zu besitzen, was ihr Demokratieverständnis prägte. Ja, diese Leute waren geradezu besessen von der Vorstellung, auserwählt zu sein, und dieser Irrwahn spukt heute noch in den Köpfen ihrer Nachfahren.

"Wenn Gott für uns ist, wer kann dann wider uns sein?", predigte ein Puritaner der ersten Stunde in der Neuen Welt - und so ging es, wie in der Alten, mit Gott weiter.