Das gesetzloseste Volk

Das gesetzloseste Volk

Natürlich intervenieren die USA in ganz unterschiedlicher Weise. Das hängt vom Regierungssystem der anderen, ihrem ökonomischen Zustand ab, dem Grad ihrer Stärke oder Schwäche. Je beeinflussbarer, unselbständiger, je machtloser sie sind, desto massiver, rücksichtsloser werden gewöhnlich der Druck, die Drohungen, die Strafmittel Washingtons sein. Denn seit es die USA gibt, schützen sie mehr die Gewalt, als dass sie vor Gewalt schützen. Wenig kennzeichnet sie mehr. Gewalt grassiert dort seit Anbeginn. Alles verdankt man ihr. Farm, Stadt, Staat, Nation, sie kamen bereits durch Gewalt und nichts als Gewalt zustande, sieht man vom Betrug ab. Alles ist ein Produkt von Eroberung und Krieg. Alles entstand durch einen riesigen Raubzug, wie ihn die Geschichte noch kaum gekannt, entstand durch Kriminalität und nichts als Kriminalität, wenn man auf das Wesentliche, das Ausschlaggebende dieses Werdegangs blickt.

Das Recht wurde kontinuierlich ignoriert, verachtet. Gewalt aber war beliebt,

sie galt als männlich, als schön, sie wurde epidemisch verbreitet.

  • Was war, was ist die allgemeine, die "nationale Attitüde" der USA?

John Brademas, Präsident der New York University, skizziert sie so: "Nimm, was du für dich selbst nehmen kannst, und nimm es, solange die Gelegenheit da ist."

In der Tat: alles war eine einzige Aufforderung für sie zuzugreifen und ihr "Glück" zu machen. Und während die "pioneers", die "settlers" lahm legten, ausschalteten, auslöschten, was ihnen in den Weg trat, was sie vorfanden - nicht nur die Ureinwohner, die sie um alles brachten, nicht nur die Natur, die sie einzig und allein um ihres Profites willen ausplünderten, sondern auch ihre christlichen Nächsten, ihre Mitbewerber -, war jeder von ihnen, vielleicht mehr als irgendwo auf der Welt, sich selbst der Nächste. Und jeder sonst war Rivale, war Feind und rücksichtslos zu bekämpfen, trat er dem eigenen Egoismus zu nah. "You are on your own, man", hieß es da von Anbeginn. Und "Be what you want to be."

Diese Nation war, seit ihrer Entstehung, um mit dem US-Historiker Henry Steele Commager zu sprechen,

"das gesetzloseste Volk der Erde". Und sie blieb es. Der gewalttätige Kampf hatte sich viel zu sehr eingebürgert, hatte viel zu sehr Erfolg, als dass man bei dem verzehrenden Streben nach Profit, nach Profit um jeden Preis, darauf verzichten konnte und wollte. Ist es doch sprichwörtlich seit den Tagen der "robber barons", der "Raubbarone", dass es "kein großes Vermögen gibt, hinter dem sich nicht ein Verbrechen verbirgt".

  • Und selbst dies, was für ein Euphemismus noch - als stünde hinter einem großen Vermögen nur ein Verbrechen!

Ja, alles war eine einzige Aufforderung für sie zuzugreifen und ihr Glück zu machen: durch Ausbeuten und Ausmorden der Indianer, vom "Western"-Film dann tausendfach verkitscht, verklärt; durch Vertreibung der Holländer, Briten, Spanier, Franzosen; durch die Greuel des Bürgerkriegs. Und mit dauernden Bluttaten, Gewaltakten setzt ihre Geschichte sich fort, nach den "Selbstschutzmaßnahmen" der Siedler mit den Arbeitskämpfen, den Brutalitäten der Polizei und den Brutalitäten gegen die Polizei, mit Justizmorden, Lynchmorden, mit förmlichen Familienkriegen, kurz, so der amerikanische Historiker Richard Maxwell Brown, "Patrioten, Humanisten, Nationalisten, Pioniere, Grundbesitzer, Farmer, Arbeiter und Kapitalisten - alle haben sie Gewalt als Mittel zum höheren Zweck angewendet." Mit vergangenen Zeiten allein hat das nichts zu tun. So geht es weiter, Brown selbst nennt es "unabweisbar, dass wir eine unverbesserlich gewalttätige Nation sind."

hammer 64

Zur Gewalt aber kommt als eigentliches Merkmal ihrer Geschichte:

Ein Expansionsdrang ohnegleichen, eine unersättliche Gier nach Land, Macht, Märkten, ein Hunger, der die Yankees über Kontinente und Ozeane treibt, weshalb sie die Eingeborenen ausrotten, weshalb sie Louisiana von Frankreich, Florida von Spanien, Alaska von Russland erwerben, weshalb sie gewaltige Gebiete von sich abhängig machen, durch diplomatischen und monetären Einfluss, durch private Investitionen, Staatskredite, wirtschaftliche Sanktionen, durch eine Politik der Darlehen, um Empfänger noch mehr zu binden, durch Errichtung militärischer Stützpunkte, durch Drohungen, durch den Einsatz von Waffen zu Wasser, zu Land, in der Luft, durch Krieg im Norden, im Süden.

Keinem Kolonialismus wollten sie frönen, wie die entmenschten Europäer. Aber polypenartig streckten sie ihre Raubarme aus nach allem, was mehr Macht, mehr Reichtum versprach, was Zugang zu profitablen Absatzmärkten, zu Rohstoffgebieten verschaffte, nach den Plantagen Mittelamerikas, den Ressourcen Lateinamerikas, den Ölquellen Saudiarabiens. Man braucht Kupfer aus Chile, Jute aus Indien, Kautschuk aus Indonesien. Man ist geschäftig, gefräßig, verschlingend. Fast nichts noch im entlegendsten Erdenwinkel, das der Moloch nicht in seinen Einflussbereich zerrt, fast nichts, was seiner Einflussnahme Grenzen setzt. Er schickt seine Truppen aus und seine Diplomaten, seine Missionare und Bankiers. Er scheut keine fromme Phrase, keine Lüge, kein Drohen und kein Diffamieren, keine Bestechung, keinen heimtückischen Mord, keine noch so blutige Intervention und keine noch so schmutzigen Geschäfte, nichts.

  • Man schützt Dienst, uneigennützigen Dienst, an der internationalen Ordnung vor (einer ohnedies bloß äußeren Ordnung), agiert in Wirklichkeit aber nur nationalistischer Ziele, nur der eigenen Macht, des eigenen Vorteils wegen - warum auch sonst!
  • Dabei war selbst einem Jefferson klar, dass auch Amerika schlimme Tage, sogar Kriege drohen, dass der "Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen werden muss!"

Doch wie immer die Dinge in "Gottes eignem Land" auch standen - und sie standen generell schlimm für viele, oft grauenhaft, gekennzeichnet durch Bürger-, Banden-, Indianerkriege, durch Negerverfolgung, Gewaltkriminalität, durch Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsbankrotte, Rüstungsskandale, durch Beamtenkorruption

immer wusste sich die Nation von Gott berufen, als Vorbild für alle und bestimmt zur Führung der Welt.