Das einzigartige Volk

Das einzigartige Volk

Der Moloch - das ist laut Bibel der Gott der Bösen, der Gott der Kanaaniter, Ammoniter, der Götze, dem man Menschen schlachtet. Der Moloch - so definieren unsere Wörterbücher - ist jene Macht, die unersättlich Opfer heischt, immer neue Opfer, die alles zu verschlingen sucht. Der Moloch - das können also nicht sie sein, sie, das Heil, das Licht der Welt, "das helle Leuchtfeuer der Hoffnung", das "auserwählte Volk", "das Volk Israel unserer Zeit", das "neue Jerusalem", das seine "manifest destiny", seinen göttlichen Auftrag hat, als Vormund der Menschheit, als Führer zur Vollkommenheit, als etwas ganz Edles, Besonderes, über alle Länder Erhobenes und Erhabenes.

Doch all dies nicht etwa zu ihrem Segen nur, zu ihrem Vorteil und Profit, oh nein, zum Heil und Vorteil und Profit der ganzen Welt.

Und das, obwohl die Welt doch rundum übel, verrottet ist, Verbrechen über Verbrechen häuft, obwohl sie Spitzel umherschickt, Terroristen stützt, kleine, große Konflikte schürt, Weltkriege entfesselt und die besten aller Staaten mit Kokain überschwemmt: sie, die Edelauslese der Nationen, "das einzigartige Volk" (Hermann Melville), das zwar, gewiss doch, auch Schwächen hat, Minimaldefekte sozusagen, beiläufige Schatten bloß in seiner lauteren Geradheit, Unschuld; während das Ausland, das lernen ihre Kleinsten schon, immer schuldig ist und eben deshalb von seinem Dreck durch sie gesäubert, erzogen, verschönt, mit ihren Idealen veredelt werden muss.

Denn sie, sie bestehen darauf, nie Kolonien gehabt zu haben, sie, die Unabhängigen, sie wollen auch andere nicht abhängig, sie, die Freien, sie wollen auch andere nicht unfrei machen, nein. Stets Bewacher nur der Welt sind sie, Beschützer, Retter, wahre Engel der Gerechtigkeit. Der Teufel, nun, das war zuletzt der Russe. Doch gibt's der Teufel viele, die Fülle, und sie nehmen gar mannigfache Formen, Verkörperungen, Nationalitäten an ... Nur einer bleibt fast immer rein: der Yankee.

So war es stets. So ist es noch. Kaum einer ihrer Präsidenten, der das nicht klar erkannt, der Welt nicht klar bekannt, beteuert hätte.