Kollektive Schuld und kollektive Unschuld

Kollektive Schuld und kollektive Unschuld

Diana Johnstone

Als die NATO begann, die serbischen Menschen zu bombardieren, fingen die serbischen Menschen an, das zu verdienen. Je mehr sie bombardiert wurden, desto mehr verdienten sie das.

Ganz zu Beginn war das noch anders. Das Ziel, betonten die NATO-Führer, war ein Mann: der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic. "Wir müssen einen harten Standpunkt gegenüber diesem schändlichen Diktator einnehmen", erklärte der britische Premierminister Tony Blair am 25. März, als er begann, seine zweieinhalb Monate dauernde Winston Churchill-Rolle zu spielen, die Moral während der Schlacht um England hochzuhalten. Der wichtige Unterschied: diesmal wehrte sich Großbritannien nicht heldenhaft gegen Bombenangriffe, sondern bombardierte das Land, das sich heldenhaft wehrte.

Die wahrscheinlich hauptverantwortliche Person für den Kriegsausbruch, US-Außenministerin Madeleine Albright, ließ sogar eine Radiosendung an das serbische Volk in serbokroatischer Sprache ausstrahlen, um diesem ihre Zuneigung kundzutun. Sie sang ein serbisches Kinderlied, das ihr Vater ihr beigebracht hatte, als ihre Familie in Belgrad Zuflucht fand, nachdem ihr Herkunftsland Tschechoslowakei vor einem halben Jahrhundert von den Stalinisten übernommen worden war.

In diesen ersten Tagen steckten die Menschen in Serbien, anscheinend im Glauben, sie wären nicht im Fadenkreuz der NATO, sich ironisch "target"-Sticker an und versammelten sich in ihren Fabriken und auf Brücken, um der Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz durch die humanitären NATO-Bomber vorzubeugen.

Die Fabriken wurden trotzdem bombardiert, und alle außer einer Brücke über die Donau zerstört. Nach dem

Bekanntwerden von "Kollateralschäden" in Form getöteter Kinder und anderer Zivilisten änderte sich die Propaganda. Es wurde zugegeben, dass die Bombenangriffe der NATO nicht ausschließlich gegen Milosevic und seinen "Militärapparat" gerichtet waren, wie anfänglich gesagt worden war. Sie waren gegen die Lebensgrundlagen "seines" Volkes gerichtet, um ihn zum Nachgeben gegenüber den NATO-Forderungen zu bewegen.

In der Sendung "Meet the Press" ("Pressestunde") am 25. April sagte US-Senator Joe Liebermann: "Ich hoffe, dass der Luftkrieg, auch wenn er Milosevic nicht überzeugt, seine Truppen aus Kosovo zurückzuziehen, seine Wirtschaft so verwüsten wird, wie es jetzt geschieht, so die Lebensgrundlage seines Volkes ruinieren wird, dass es sich erheben und ihn aus dem Amt jagen wird."

In seinem ersten Interview während des Krieges sagte NATO-Luftwaffenbefehlshaber General Michael Short der New York Times Mitte Mai (1), sein Ziel Nummer 1 sei es, "die Armee in Kosovo zu töten". Schon das ist verwirrend: in ihrer neuen "Kriegsführung ohne Opfer" "bekämpfen" die USA nicht eine Armee, sondern "töten" sie mit Bombenangriffen aus großer Entfernung - in diesem Fall die jungen Männer eines kleinen Landes, die zur Verteidigung eingezogen und auf ihrem eigenem Territorium stationiert sind. General Short sagte dann weiters, er müsse auch "die Führungskräfte und die Leute um Milosevic bekämpfen, um sie zu einer Änderung ihres Verhaltens zu zwingen" in der Hoffnung, die zugefügten Zerstörungen würden die Unterstützung für die Regierung untergraben. "Ich denke daran, dass ihr keinen Strom für eure Kühlschränke bekommt, kein Gas für eure Herde; ihr kommt nicht zur Arbeit, weil die Brücke im Fluss liegt - die Brücke, auf der ihr eure Rockkonzerte hattet und auf der ihr die ganze Nacht mit target-Schildern auf euren Köpfen gestanden seid. Das alles muss um drei Uhr morgens verschwinden."

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Unter denen, die durch Bomben zur Änderung ihres Verhaltens gezwungen werden sollten, war zum Beispiel der Pensionist im 9. Stock eines Wohngebäudes in Novi Beograd, dem die US-Grafitbomben das Licht abdrehten, dessen Nahrungsvorräte im Kühlschrank verrotteten, der an Herzproblemen litt und dessen Lift nicht mehr funktionierte. Von diesem Menschen war eher zu erwarten, dass er, statt "Milosevic zu stürzen", um drei Uhr morgens still verschwinden würde.

Nun ist wohl bekannt, dass bombardiert zu werden Menschen nicht dazu bringt, "sich zu erheben" und den Führer ihres Landes "zu stürzen". In der Tat kann immer wieder gerade das Gegenteil festgestellt werden. Bombenangriffe vereinigen ein Volk gegen den, der sie durchführt. Die Regierung der USA besitzt ein riesengroßes Archiv von Studien, die das belegen. Keine informierte Person konnte ernsthaft annehmen, dass Bombenangriffe auf Serbien das serbische Volk dazu bringen würde, Milosevic zu "stürzen."

Nach zwei Monaten Bombenangriffen wurde das Ziel, die zivile Wirtschaft zu treffen, offen eingestanden, aber die

Gründe dafür verschleiert. "In zunehmendem Ausmaß haben die NATO-Luftschläge Menschen ihrer Arbeitsplätze beraubt und sich negativ auf das Alltagsleben vieler Serben ausgewirkt. Die Bombenangriffe der Allianz in dieser Woche gingen noch weiter in diese Richtung, indem sie zu Wasserknappheit in Belgrad, Novi Sad und anderen serbischen Städten führten", berichtete die International Herald Tribune am 26. Mai. Helmut Sonnenfeldt von der Brookings Institution stellte fest, die Strategie der NATO beinhalte "ein beträchtliches ökonomisches Element" und wies auf die möglichen Langzeitwirkungen der Zerstörung der zivilen Infrastruktur hin. Im selben Artikel erklärte ein ungenannter Vertreter Deutschlands, dass "keine nichtstaatliche Hilfsorganisation das Geld habe, das nötig sei, um die Brücken wieder aufzubauen oder auch nur die Trümmer aus der Donau zu entfernen." Auf diese Weise sollten also "größere Vorteile für die westlichen Länder" herbeigeführt werden (2).

"Größere Vorteile" herbeiführen klingt jedenfalls einleuchtender als Grund für die Zerstörung von Textil-, Auto-, Maschinen-, Zigaretten- und anderen Fabriken als "Herbeiführung einer Revolution."

Idealistische vs. zynische Zielvorgaben

Es ist immer vernünftig, auch von der Annahme auszugehen, dass das, was eine große Macht tut, auch das ist, was sie tun will. Es gibt eine vorherrschende liberale Haltung gegenüber den USA, die diese Annahme systematisch ausschließt. Die Kritik an "Aktionen" der USA begründet sie auf deren angeblich täppischer Unfähigkeit, ihre vorgegebenen Ziele zu erreichen. Was wäre aber, wenn diese vorgegebenen Ziele nur ein Ablenkungsmanöver wären, genau darauf gerichtet, die öffentliche und besonders die liberale Kritik von dem abzulenken, was wirklich vorgeht?

Zwar wird ein Widerspruch sichtbar zwischen 1. dem erklärten Ziel, "ethnische Säuberungen" zu verhindern und dem massiven Strom von Flüchtlingen aus dem Kosovo nach Einsetzen der Bombenangriffe; und 2. dem erklärten Ziel, das serbische Volk gegen Milosevic aufzubringen und dem wahrgenommenen Ergebnis, dass seine Macht durch die Bombenangriffe zunehmend gestärkt erschien.

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Das erscheint aber annehmbar für wohlgesinnte Menschen, die solche (die vorgegebenen) Ziele akzeptieren können, da diese in etwa ihren eigenen Vorstellungen entsprechen. Die gegensätzliche Annahme, dass die Bombenangriffe bewusst beides herbeiführen sollten - Massenflucht und Stärkung von Milosevics Macht - ist eine zu zynische Überlegung für diese guten Menschen. Zumindest zu zynisch, um für "ihre" Seite in Frage zu kommen. Die Zuschreibung gleicher oder noch zynischerer Absichten an die "andere" Seite - z.B. an Milosevic, dem die Absicht zugeschrieben wird, die ethnischen Albaner nur so aus Mutwillen ausrotten zu wollen, liegt allerdings nicht jenseits ihrer heilen Vorstellungswelt. (Wohlgesinnte Jugoslawen werden solche zynischen Motive natürlich leichter der NATO als ihrer eigenen Führung zuschreiben.)

Die perfekt absehbare - und vorhergesagte (3) - Massenflucht nach Einsetzen der Bombenangriffe erbrachte die nachträgliche moralische Rechtfertigung für die NATO-Luftangriffe, die sie verursacht haben. Die Fernsehberichte über menschliches Leid in chaotischen Flüchtlingslagern entlang der Grenzen Kosovos lenkten ab von der fortschreitenden Zerstörung Jugoslawiens durch die NATO.

Da sich herausgestellt hat, dass das Verbleiben Milosevics die besten Argumente für die Fortsetzung der Aufteilung

Jugoslawiens in von der NATO besetzte Protektorate liefert und dieses Vorhaben noch nicht beendet ist - nach Bosnien und Kosovo stehen noch Montenegro, Vojvodina und eventuell Serbien selbst auf der Liste - mag es das beste sein, ihn am Steuerruder zu belassen, bis das Schiff endgültig untergegangen ist.

Und das Endziel? Für die zynische Annahme, mit der wir uns beschäftigen, muss es ein rational greifbares Motiv geben. Die liberalen Kritiker der "Täppischer Riese"-Schule können sich nichts dergleichen vorstellen und bleiben dabei, dass die USA keinerlei eigennützigen wirtschaftlichen oder strategischen Ziele auf dem Balkan verfolgen. Es gibt jedenfalls genügend publiziertes Material, um aufzuzeigen, dass die USA in der Tat strategische Interessen auf dem und besonders jenseits des Balkans haben, und dass die Sicherung von NATO-Stützpunkten in einem aufgesplitterten Jugoslawien als Schritt in Richtung Sicherung dieser Interessen betrachtet werden kann (4).

Infolge seiner entscheidenden geostrategischen Lage zwischen Westeuropa und dem Mittleren Osten, zwischen Mittelmeer, Türkei und Osteuropa ist der Balkan die am besten geeignete Ausgangsbasis für NATO-"out of area"-Einsätze (das sind Einsätze außerhalb des bisher festgelegten Bereichs dieses Bündnisses) und die Sicherung von deren neuer globaler Rolle. Die Umwandlung eines schwierigen Landes in einen strategischen Brückenkopf, der in der Folge benützt werden kann, um die Kontrolle der NATO über Ukraine, Kaukasus und Öl im Kaspischen Meer zu gewährleisten, ist ein respektables Projekt für zynische Geostrategen aus der Brzezinski-Schule. Die Etablierung der neuen Aufgaben der NATO "out of area" nützt dem riesigen militärisch-industriellen Komplex und festigt den Einfluss der USA auf die EU. Deren Unterwürfigkeit gegenüber Washington wurde beredsam hervorgehoben durch die Bestellung des schwer kompromittierten Kriegs-Generalsekretärs der NATO, Javier Solana, zum Chef der erst in der Startphase befindlichen Außen- und Verteidigungspolitik der EU.

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Ein Motiv, das für die zynische Annahme spricht, ist die Bombardierung Jugoslawiens - mit der Folge der zeitweiligen Massenflucht von Albanern aus Kosovo und der Zerstörung der serbischen Wirtschaft - als Mittel, die endgültige Kontrolle der NATO über das Balkangebiet herbeizuführen. Der Hass zwischen Serben und Albanern, durch Bombenangriffe und daraus resultierende Vertreibungen zum Siedepunkt gebracht, hat ein Zusammenleben der beiden Volksgruppen nahezu unmöglich gemacht, so dass angeblich eine permanente Besetzung durch die NATO erforderlich ist. Die Zerstörung der serbischen Wirtschaft hat die serbische Nation - das historische Zentrum des Widerstands auf dem Balkan gegen fremde Besatzer - verstümmelt und den Anreiz für die peripheren Gebiete Jugoslawiens (Montenegro, Vojvodina und vielleicht auch Sanjak) gesteigert, das sinkende Schiff zu verlassen. Sie hat den Nachbarländern wie Rumänien und Bulgarien eine eindrucksvolle Botschaft verkündet, nicht unähnlich der Botschaft an den ganzen Häuserblock, wenn Mafiagangster einen widerspenstigen Kaufmann zusammenschlagen: das kann euch auch passieren, wenn ihr nicht tut, was nötig ist, um euch den Schutz der NATO zu sichern.

Höheres Recht oder gekaufte Justiz?

Niemand bezweifelt, dass die am 24. März begonnenen Bombenangriffe der NATO auf Jugoslawien eine flagrante Verletzung internationalen Rechts in vielfacher Hinsicht darstellten. Die wichtige Frage muss gestellt werden: kann irgendein neutrales, unabhängiges, unparteiisches internationales Recht gerettet werden vor dem Bestreben der USA, ihr eigenes "Recht des Stärksten" auf der ganzen Welt unter dem Deckmantel hochgesteckter moralischer Ansprüche zu etablieren?

Am 7. Mai übermittelte ein Team von Anwälten aus Kanada und Europa ein Schreiben an Louise Arbour, die

kanadische Chefanklägerin am internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), in dem sie die Führer der USA und anderer NATO-Staaten bezichtigten, Kriegsverbrechen einschließlich "gewollter Zerstörung von Städten und Dörfern, militärisch nicht gerechtfertigter Verwüstungen, Angriffe, Bombardierungen oder sonstiger Attacken auf unverteidigte Städte, Dörfer und Gebäude" begangen zu haben. Einer dieser Anwälte, Professor Michael Mandel von Osgoode Hall Law School of York University in Toronto, wo Frau Arbour einst selbst unterrichtet hatte, erklärte, dass "die Erhebung einer Anklage gegen die Sieger eines Krieges, nicht nur gegen die Verlierer, eine Wasserscheide im internationalen Strafgesetz darstellen würde, indem sie der Welt zeigt, dass niemand über dem Gesetz steht."

Diese und eine Reihe anderer Initiativen internationaler Juristen, auf die Gesetzwidrigkeit der NATO-Aktion hinzuweisen, wurden von den Massenmedien weitgehend ignoriert. Dafür wurde beträchtlicher Platz jenen Gelehrten eingeräumt, die die Theorie der "humanitären Intervention" erläuterten, die, wie es hieß, die veraltete Theorie der "nationalen Souveränität" ersetze.

Tatsächlich ist absolut nichts neues an der Berufung auf ein "Höheres Recht" zur Rechtfertigung der eigenen Rechtsverstöße. Die imperialistischen Eroberungszüge im 19. Jahrhundert dienten üblicherweise dazu, die eine oder andere Seite zu "verteidigen", und (der wirkliche) Hitler marschierte in die Tschechoslowakei ein und besetzte Polen, womit er den 2. Weltkrieg lostrat, um die angeblich gefährdeten deutschen ethnischen Minderheiten zu retten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Anspruch auf nationale Souveränität und territoriale Integrität genau aus dem Grund in das internationale Recht aufgenommen, schwächere Nationen vor humanitären Kreuzzügen dieser Art zu schützen. Anscheinend sind die Politiker der Clinton-Administration zur Ansicht gekommen, solche Bestimmungen stünden dem furchterregenden US-Machtmonopol nur im Weg.

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Einige Liberale kritisierten den NATO-Bombenüberfall aus der Mutmaßung heraus, er werde "serbischen Terrorismus" provozieren. In Wirklichkeit gab es die ganze Zeit der Luftangriffe hindurch nicht den leisesten Hinweis, dass die Serben etwas in diese Richtung vorgehabt hätten. Im Gegenteil, die Serben waren erkennbar geschockt durch diese flagrante Verletzungen der internationalen Rechtsordnung, die ja primär von den Westmächten gestaltet worden war, die sie jetzt verletzten, und eine Reihe von Jugoslawen in Serbien wie auch in der Diaspora versuchten, legale Schritte dagegen zu unternehmen. Die jugoslawische Regierung selbst versuchte am 29. April, ein Verfahren am Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegen die NATO-Regierungen wegen eines breiten Spektrums von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gang zu bringen. Westliche Medien ließen in kurzen Berichten wissen, dieser Versuch sei "nicht ernstzunehmen". Letztlich wurde die Anklage vom Gerichtshof abgewiesen, da die Genozid-Konvention, die gesetzliche Grundlage der Klage Belgrads, von den USA nie als verbindlich anerkannt worden war, obwohl Washington sie gerne gegen andere zur Anwendung bringt (5).

Eine große Neuigkeit hingegen war natürlich die Erhebung der Anklage gegen Milosevic. Am 27. Mai setzte Frau Arbour, die auf die Anklage vom 7. Mai gegen die NATO-Führer hin nichts unternommen hatte, das Verfahren gegen Milosevic und andere hochrangige Vertreter der jugoslawischen bzw. serbischen Regierung wegen in Kosovo begangener Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gang. Einige der Anklagepunkte waren praktisch identisch mit den früher gegen die Verantwortlichen für die NATO-Bombenangriffe erhobenen, etwa: "die weitverbreitete Beschießung von Städten und Dörfern; Brandlegung an Wohnhäusern, landwirtschaftlichen Gebäuden und Geschäften und die Zerstörung von Privatbesitz."

Das Verfahren gegen Milosevic und die anderen konnte schwerlich als Maßnahme einer unabhängigen Körperschaft

gelten, die über dem Konflikt zwischen der mächtigen NATO und dem kleinen Jugoslawien stand. Frau Arbour stellte die Haftbefehle gegen Milosevic und andere serbische Führer auf der Grundlage von Unterlagen aus, die sie am Tag davor von einer Konfliktpartei, der Regierung der USA bekommen hatte. Die Information, die zur Anklageerhebung gegen die jugoslawische Führung führte, stammte von einer eigenen geheimdienstlichen US-Einheit namens "Interagency Balkan Task Force", angesiedelt bei der CIA mit Verbindungen zu DIA ("Defense Intelligence Agency"), NSA ("National Security Agency") und Außenministerium (6).

Teil des Aufgabenbereichs von Frau Arbour als Chefanklägerin war die Beschaffung von Geld von der "internationalen Gemeinschaft", besonders von den Regierungen der NATO-Mitgliedsstaaten. Sie und Chefrichterin Gabrielle Kirk McDonald (ehemals Bundesrichterin in Texas) zeigten sich häufig in der Öffentlichkeit zusammen mit Madeleine Albright ("die Mutter des Tribunals" in den Worten der Richterin McDonald, die schon vor dem Krieg freiweg Jugoslawien als "Schurkenstaat" bezeichnet hatte) und lobten die USA für ihre finanzielle und anderweitige Unterstützung des Tribunals (7). Als er am 17. Mai gefragt wurde, was geschehen würde, wenn die NATO selbst vor dieses Tribunal gestellt würde, antwortete NATO-Sprecher Jamie Shea, dass es ohne die NATO-Staaten dieses Tribunal nicht geben würde, da diese maßgeblich für seine Einrichtung gewesen seien und seinen Betrieb hauptsächlich finanzierten. Dieses Internationale Tribunal bekommt materielle wie auch politische Unterstützung von der USA-Regierung, anderen NATO-Regierungen, dem Großunternehmer George Soros und privaten Gesellschaften. Wenn die Clinton-Administration sich schon nicht auf "Höheres Recht" berufen kann, so kann ihr vielleicht diese gekaufte Justiz behilflich sein.

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Der serbische Oppositionsführer Vuk Draskovic hat darauf hingewiesen, dass die Anklage am ICTY Milosevics Macht weiter stärke. Auch wenn seine Popularität auf einen neuen Tiefpunkt zusteuert, stünden die Aussichten, Milosevic zu einem Rücktritt im Interesse seines Landes zu bewegen, bedeutend schlechter schon allein wegen der Aussicht, in diesem Fall vor das US-dominierte Tribunal gestellt zu werden. Das ICTY hat weiters die Entfernung Milosevics aus seinem Amt dadurch erschwert, dass es seinen wahrscheinlichsten Nachfolger, Serbiens gewählten Präsidenten Milan Milutinovic ebenfalls unter Anklage stellte. Diese Anklage, die allein auf der Feststellung der "Verantwortung des Befehlshabers" beruht, ohne jeglichen Beweis, dieser habe die angeführten Verbrechen gewollt oder angeordnet, bestätigt den weit verbreiteten Eindruck, dass dieses Tribunal ein politisches Instrument ist, das von Washington gesteuert wird.

Im Juli erhob die in Connecticut angesiedelte International Ethical Alliance (IEA - internationale ethische Vereinigung)

ebenfalls Anklage gegen Präsident Clinton und Kriegsminister Cohen wegen "nicht-defensiver aggressiver Angriffe auf das ehemalige Jugoslawien". Gleichzeitig forderte der IEA-Bevollmächtigte Jerome Zeifman die Entlassung der Anklägerin Arbour, die er beschuldigte, "selektiv Anklage zu erheben aufgrund willkürlicher Bewertung von Beweisen, die die Beschuldigten Clinton und Cohen belasten, (...) Interessenskonflikte bzw. zumindest deren Anschein, da die Finanzierung zur Gänze oder zum Großteil von NATO-Regierungen kommt; und Einseitigkeit zugunsten der Angriffe der NATO auf das ehemalige Jugoslawien". Zeifmann forderte die Ablösung der Anklägerin und die Abberufung von fünf Richtern einschließlich McDonald's, die Einsetzung eines tatsächlich unabhängigen Anklägers wie neuer Richter und Bediensteter aus Ländern, die nicht der NATO angehörten, deren Bezahlung weder direkt noch indirekt aus Geldern erfolgte, die aus NATO-Staaten kommen. Ein solchermaßen wirklich neutraler Gerichtshof, schlug Zeifman vor, könne dann hergehen und die Klagen gegen die Führer auf beiden Seiten bewerten, einschließlich Milosevics, Clintons und anderer.

Eine Paria-Nation

Als infolge der Bombenangriffe auf die petrochemische und andere Industrien des Landes große Wolken giftigen Rauchs über Nordserbien lagen, erhob sich moralisches Naserümpfen im Chor der Medienherausgeber, Kolumnisten und NATO-Vertreter, die die Bombenangriffe rechtfertigten. Der Zivilbevölkerung Unannehmlichkeiten zuzufügen diente nicht mehr nur dem Zweck, sie zum Sturz Milosevics zu bewegen, sondern auch als Strafe dafür, dass sie das noch nicht getan hatte.

"Viel wurde geredet, meiner Meinung nach unklugerweise", schrieb der Kolumnist William Pfaff (8), "die NATO stehe in Konflikt nur mit den Führern Serbiens. Serbiens Anführer wurden gewählt vom serbischen Volk. (...) Serbische Wähler haben Slobodan Milosevic die letzten zehn Jahre an der Macht gehalten. Es ist nicht klar, warum sie nicht auch etwas vom Leid abbekommen sollten, das er ihren Nachbarn zugefügt hat."

Es gab also zwei Möglichkeiten. Entweder war Milosevic ein "Diktator" und das serbische Volk musste von ihm durch Bomben befreit werden. Oder, wie sich herausstellt, er war kein Diktator, und das serbische Volk musste "etwas vom Leid" abbekommen, da es ihn gewählt hatte. So oder so, Serbien musste bombardiert werden. Die Möglichkeit, dass - wenn der Diktator schon kein Diktator war - auch andere der gegen Serbien erhobenen Beschuldigungen gleichermaßen nicht stimmten, durfte nicht in Betracht gezogen werden.

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Als die NATO ihre Bombenangriffe gegen Jugoslawien intensivierte, veröffentlichte Newsweek einen Artikel von Rod Nordland unter dem Titel "Rache einer Opfer-Rasse", dessen antiserbischer Rassismus kaum mehr übertroffen werden kann. "Die Serben sind Europas Außenseiter, verstockte Hasser aus Selbstmitleid", schrieb er (9). "Serben sind Hassexperten", informierte der Artikel die Leser und zitierte als Beweis "eine Lawine von schmutzigen Ausdrücken betreffend Bill Clintons Sexualleben" im kommerziellen TV in Serbien. Es bedarf keiner Beweise, wenn eine ganze Nation in den Schmutz gezogen werden soll, die keinerlei Möglichkeit hat, sich legal dagegen zur Wehr zu setzen.

Leuten, die mit dem historischen Stoizismus der Serben vertraut sind, ihrer charakteristischen Zurückhaltung, wenn es um ihre eigenen Probleme geht und ihrem bemerkenswerten Sinn für schwarzen Humor - einem vorzüglichen Mittel gegen Selbstmitleid - erscheint all dieses Gerede um diesen angeblichen "Opfer"-Komplex der Serben alles andere als harmlos.

Unter den Propagandatechniken, die seit Jahren eingesetzt werden, um jegliche öffentliche Sympathie im Westen für das serbische Volk zu zerstören, ist die anhaltende negative Charakterisierung von serbischer Kultur, nationalen Mythen und Mentalität dahingehend, sie seien in einzigartiger Weise besonders gekennzeichnet durch eine eigenartige Neigung, sich selbst als "Opfer" zu sehen. Diese Technik vorauseilender Vorwegnahme bringt die Öffentlichkeit dazu, Fakten wie etwa die außerordentlich hohen Verluste Serbiens im Ersten Weltkrieg, den wahrhaften Völkermord gegen die Serben durch die faschistische kroatische Ustascha und die deutschen Truppen während der Zweiten Weltkriegs, sowie die periodischen Anstrengungen von Albanern, die Serben aus Kosovo zu vertreiben, als bloße Auswüchse einer nationalen Geisteskrankheit zu sehen. Was für eine bessere Methode gäbe es bei der Vorbereitung einer Person oder Gruppe für die Opferung, absehbares Mitgefühl durch lange und laute Erklärungen abzufangen, diese Person oder Gruppe klage immer darüber, "zum Opfer gemacht zu werden". Auf diese Weise werden Ohren taub für ihr Weinen und Herzen hart gegenüber ihrem Schicksal gemacht.

Die antisemitische Propaganda stellte die Juden als sich selbst bemitleidende Jammerfiguren dar, als die Nazis sie für

die Gaskammern zusammentrieben.

Die NATO-Linie war, die Zerstörung Jugoslawiens dadurch zu rechtfertigen, dass es mit Nazi-Deutschland bzw. Milosevic mit Hitler auf eine Stufe gestellt wurde. In seiner Ansprache zum Memorial Day behauptete Clinton, die Regierung Milosevic sei "wie die Nazi-Deutschlands an die Macht gekommen, indem sie die Menschen dazu brachte, auf Menschen bestimmter Rassen und Volkszugehörigkeit hinabzusehen und zu glauben, diese hätten ... kein Recht zu leben."

Mittlerweile sind die Bemühungen weitergegangen, die Menschen auf die Serben hinabsehen zu machen und sie sogar die Frage stellen zu lassen, ob die Serben überhaupt ein Recht auf Leben hätten.

Als die Bombenangriffe intensiver wurden und die kühneren NATO-Krieger (besonders die britischen) auf die Invasion mit Bodentruppen drängten, kam der Harvard-Professor Daniel Goldhagen heraus mit der ultimativen Rechtfertigung nicht nur für "etwas vom Leid abbekommen", sondern für die Eroberung und Besetzung Serbiens, indem er die Massenflucht der Zivilbevölkerung aus Kosovo mit dem Holocaust, Milosevic mit Hitler und das serbische Volk mit "Hitlers willigen Helfern" - so der Titel des Buches, das ihm seinen Ruf als "Genozidexperte" eingebracht hatte - auf eine Stufe stellte. Goldhagen geht davon aus (10), dass ähnlich wie Deutschland und Japan in den frühen 1940ern Serbien in den 1990ern "einen brutalen imperialen Krieg vom Zaun gebrochen hat, um Gebiet nach Gebiet zu erobern, unerwünschte Bevölkerungen zu vertreiben und Massenmord zu begehen."

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Dieser Harvard-Lehrer baut sein Gebäude von Mutmaßungen auf nichts anderes als die irreführenden Eindrücke, die aus jahrelangen verzerrten Medienberichten vom Balkan hängen geblieben sind. Sein Kartenhaus schaut so aus: Milosevic sei ein "extremer Nationalist" und ein "Völkermörder". Er und das serbische Volk seien "Anhänger einer Ideologie, die nach der Eroberung von Lebensraum ruft", sie wären in einem "menschenverachtenden Glauben" befangen. In Verfolgung eines "Ausrottungsprojekts" hätten sie begonnen, die albanische Bevölkerung in Kosovo zu eliminieren, in einer Aktion, die an den Holocaust erinnere. Deswegen hilft auch hier nur die gleiche Methode wie die seinerzeit gegenüber Nazi-Deutschland angewendete: Serbien muss vom Westen erobert, entnazifiziert und umerzogen werden.

Alle diese Mutmaßungen sind falsch. Natürlich ist Unschuld immer schwerer nachzuweisen als Schuld. Der Inquisitor weiß, dass jeder irgendeiner Sache schuldig ist. Die serbischen Menschen können nicht in jeder Beziehung unschuldig sein, wie sie wahrscheinlich als erste selbst zugeben würden. Aber sie wie Milosevic sind auch nicht an allem schuld, was am Balkan in den letzten zehn Jahren schief gelaufen ist. Die Aufsplitterung Jugoslawiens ist ein komplexer Vorgang mit vielfältigen Ursachen, über die vernünftig zu diskutieren seriöse Wissenschafter längere Zeit brauchen. Andere Führer, die gleichfalls Verantwortung für dieses Desaster tragen, sind daran interessiert, die Schuld zur Gänze ihrem serbischen Gegenspieler aufzubürden. Die Beschuldigung Milosevics hat die Aufmerksamkeit von der Verantwortlichkeit aller anderen abgelenkt.

Was war also das wirkliche Problem mit Milosevic?

Das wirkliche Problem mit Milosevic

Das wirkliche Problem mit Milosevic steht in engem Zusammenhang mit dem wirklichen Problem des serbischen Volkes, als Jugoslawien in den 1980ern auseinanderzudriften begann. Das wirkliche Problem der serbischen Menschen war ihre extreme Zersplitterung. Sie waren geografisch zersplittert in Serben in Serbien und Serben in Bosnien und Kroatien. Sie waren zersplittert in zwei Identitäten - die jugoslawische und die serbische. Sie waren historisch gesehen in mehrfacher Beziehung zersplittert, besonders schmerzhaft in Partisanen und Chetniks (kommunistische und monarchistische Guerillabewegungen, die die Nazi-Okkupation ... und sich gegenseitig bekämpften) im 2. Weltkrieg. Soziologisch waren sie aufgesplittert in Stadt- und Landbewohner. Und letztlich waren sie in der Zeit nach Tito zersplittert zwischen linken Strömungen, die den Sozialismus reformieren, und "zentristischen" Strömungen, die die Parteien und politischen Traditionen der vorkommunistischen Zeit wiederbeleben wollten.

Wenn eine Nation tief gespalten ist, wird der Anführer erfolgreich sein, dessen Vieldeutigkeit den Eindruck von Einheit schaffen kann. Die Fähigkeit, "alles für alle" zu sein, ist oft der Schlüssel zu politischem Erfolg. Das wirkliche Problem mit Milosevic ist zugleich auch sein höchster politischer Trumpf: seine Vieldeutigkeit. Er schien, als er zu politischer Bedeutung gelangte, den Machtkampf in der serbischen kommunistischen Partei gewann, diese in die serbische sozialistische Partei umwandelte und die ersten pluralistischen Wahlen in Serbien 1990 gewann, in der Lage zu sein, alle Probleme zu lösen. Er war der politische Zauberer, der die kommunistische "Bürokratie" loswerden aber eine beruhigende Kontinuität beibehalten, serbische wie jugoslawische Interessen verteidigen und reformierten Sozialismus mit wirtschaftlicher Privatisierung kombinieren konnte.

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Da Serben aber nicht nur in Serbien lebten, sondern auch in Kroatien und Bosnien, musste die Aufspaltung Jugoslawiens eine Krise der Serben insgesamt wie auch der verschiedenen Untergruppen zur Folge haben. Die jugoslawische Armee wollte Jugoslawien erhalten - Milosevic war bereit, Slowenien fahren zu lassen, als es seine Unabhängigkeit erklärte und sich mit weniger zufrieden zu geben. Dieses weniger könnte - vielleicht - "Groß-Serbien" sein, aber Milosevic erklärte nicht "Groß-Serbien" zu seinem Ziel. Eher war das der Wunsch eines großen Teils der serbischen Bevölkerung in Kroatien und Bosnien, die fürchtete, von Serbien im Fall der Abtrennung dieser beiden Republiken getrennt zu werden. 1991 wurden Serben in Kroatien von kroatischen nationalistischen Milizen attackiert, die sich offen zu ihrer geistigen Nähe zu und ihrer Tradition in der faschistischen Ustascha bekannten, wodurch sie sowohl die jugoslawische Armee mit ihrer Partisanentradition als auch Ängste bei den Serben provozierten, die eine Neuauflage des Genozids befürchteten, dessen Opfer sie im von der Ustascha geführten "Unabhängigen Kroatien" gewesen waren, das von den Achsenmächten während des 2. Weltkriegs eingerichtet worden war. Für eine kurze Zeit in den Jahren 1991 und 1992, als die Entwicklung schneller verlief, als es die Menschen fassen konnten, war nicht klar, wo die Verteidigung Jugoslawiens aufhörte und die Arbeit an der Schaffung des hypothetischen Groß-Serbien begann.

Das Schlagwort "alle Serben in einen Staat" tauchte in Jugoslawien auf und beruhigte die Ängste derer, die um ihre

Sicherheit fürchteten, falls sie zu Minderheiten in feindlichen kroatischen oder muslimischen Staaten werden sollten. Die Serben in Serbien standen ihren serbischen Brüdern in Kroatien und Bosnien theoretisch wohlwollend gegenüber, waren aber weit davon entfernt von einer Einigung darüber, was diesbezüglich unternommen werden sollte. Milosevic vermittelte den Eindruck, er könne gemeinsam mit Tudjman zu einer Lösung kommen. In den entscheidenden Jahren 1990 - 1992 schaffte er es, den Eindruck zu vermitteln, er tue einerseits alles mögliche, um Jugoslawien zu erhalten, sei im anderen Fall aber bereit, Jugoslawien aufzugeben und die von Serben bewohnten Gebiete aus dem Trümmerhaufen zu retten. Die jugoslawische Nationalarmee war nur bereit zur Verteidigung des ersteren; für das zweitere wurden paramilitärische Gruppen formiert, in größter Verwirrung, da rund 200.000 junge Männer Serbien verließen, um den Einsatz in einem Bürgerkrieg zu vermeiden. Das war eine Nation in Auflösung, nicht ein Volk, geeint durch ein "Ausrottungsprojekt", angeheizt von "brennendem Hass."

Mitte 1993, als sich die jugoslawische Armee aus Bosnien zurückzog und die Bundesrepublik Jugoslawien ausgerufen wurde, die nur Serbien und Montenegro umfasste, die beiden "serbischen Republiken" in der kroatischen Krajina und in Bosnien-Herzegowina aber ausschloss, war klar, dass "Groß-Serbien" nicht auf der Tagesordnung in Belgrad stand, so sehr die Serben in der kroatischen Krajina oder in Bosnien-Herzegowina auch zu Serbien gehören wollten. Das wurde noch klarer im Jahr 1994, als Belgrad so weit ging, ein Embargo gegen die bosnischen Serben zu verhängen, da sie einen westlichen Friedensplan nicht angenommen hatten.

Während der Periode der Aufteilung Jugoslawiens konnte Milosevic erfolgreich den serbischen Nationalismus einbinden, ohne jemals selbst einen extrem nationalistischen Standpunkt einzunehmen. Milosevics "serbischer Nationalismus" war für viele Kritiker im In- und Ausland unerträglich, nicht, weil er "extremer" als irgendein anderer Nationalismus gewesen wäre - das war definitiv nicht der Fall -, sondern weil er die nationalistische Karte spielte, nicht um den Sozialismus loszuwerden, sondern diesen oder zumindest Teile davon beizubehalten, davon nicht zuletzt den Parteiapparat, dessen System der Machtverflechtung und die Kontrolle der Schlüsselinstitutionen wie Polizei und staatliche Medien.

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Serbischer Nationalismus war in Titos Jugoslawien dermaßen tabuisiert, dass einige kleine Bemerkungen hinsichtlich "serbischer Interessen" seitens eines Apparatschiks der kommunistischen Partei wie Milosevic genügten, die einen in Aufregung und die anderen in Schock zu versetzen. Jugoslawen, die dieses Tabu noch immer respektieren, haben viel unternommen, um Milosevic vor der Welt als "extremen Nationalisten" hinzustellen, eine Bezeichnung, die in anderen Ländern eine ganz andere Bedeutung hat.

Wie sich leicht anhand seiner veröffentlichten Reden feststellen lässt, fuhr Milosevic währenddessen fort, eine Mischung aus jugoslawischem Multinationalismus und reformistischem wirtschaftlichem Optimismus zu predigen (11). Nachdem Milosevic sich gänzlich von den Führern der bosnischen Serben losgesagt hatte, um den Dayton-Vertrag zu erreichen, geriet die offizielle Ideologie zunehmend unter den Einfluss der "Jugoslawischen Vereinigten Linken (JUL)", die von seiner Frau Mirjana Markovic gefördert wurde und deren Doktrin eine Sammlung moderner linker "politisch korrekter" progressiver Ideen und das Lob der Vorzüge der multiethnischen Gesellschaft darstellt. Es findet sich keine Spur des "menschenverachtenden Glaubens", der Milosevic und den Serben von Goldhagen zugeschrieben wird.

Milosevics Vieldeutigkeit befähigte ihn, Wahlen zu gewinnen, aber nicht die Serben zu einen, die durch alles hindurch

so aufgesplittert geblieben sind, dass ein starkes und nicht unplausibles Argument für die Beibehaltung der bestehenden Regierung einfach darin bestand, es könne andernfalls zu einem Bürgerkrieg kommen. Einige befürchten, dass der Fall Milosevics dem wirklich extremen Nationalisten Vojislav Seselj nützen würde. Die großspurigen Erklärungen der USA, ungenannte Oppositionsführer politisch und finanziell zu unterstützen, verstärken den weit verbreiteten Eindruck, ein Liebkind der westlichen Medien wie der Führer der demokratischen Partei Zoran Djindjic sei eine NATO-Marionette - eine Rolle, die er offensichtlich anstrebt.

Ohne Zweifel könnte noch viel mehr darüber gesagt werden, welche Probleme es mit Milosevic gibt. Wenn die Benutzung Krimineller für schmutzige Ziele ihn zu einem Kriminellen macht, ist er zweifellos ein Krimineller - wie etwa auch Präsident Tudjman von Kroatien und Präsident Izetbegovic von Bosnien ... aber in diesem Fall auch eine Reihe von US-Präsidenten. Milosevic ist einer von vielen in einer Welt voll von abstoßenden Führern. Aber er hat nie ein "Ausrottungsprojekt" oder "Rassenhass" gepredigt und die Serben, die ihn gewählt haben, konnten nicht den Eindruck haben, für irgendetwas in dieser Richtung gestimmt zu haben. Wie andere Wähler anderswo haben auch sie wahrscheinlich nicht erreicht, was sie durch ihre Wahl zu erreichen erhofften.

Kosovo vor dem Bombenüberfall

Louise Arbours Verfahren gegen Milosevic beruht auf der Annahme, dass er allein schon durch seine Position als "höhere Autorität" über jugoslawische und serbische Kräfte und Agenturen "individuell verantwortlich" ist für Kriegsverbrechen, die in Kosovo während des Krieges begangen worden sind, der mit dem NATO-Bombenüberfall begonnen hat. Solch ein rigoroser Standpunkt wäre voll zu akzeptieren, wenn er gegenüber allen angewendet würde (12). Jedenfalls konnte Frau Arbours Anklage, als und wie sie herauskam, kaum unterschieden werden von den wilden Anschuldigungen der NATO-Sprecher gegen die Serben, die sich dann später, als sich die öffentliche Aufmerksamkeit anderem zugewendet hatte, als weit übertrieben oder unwahr herausstellten.

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Es ist bemerkenswert, dass mit Ausnahme des höchst umstrittenen "Racak-Massakers" am 15. Jänner (13) alle Verbrechen gegen ethnische Albaner in Kosovo, deren Milosevic beschuldigt wurde, nach Beginn der NATO-Bombenangriffe am 24. März begangen wurden.

Vor den NATO-Bombenangriffen gab es keine "ethnischen Säuberungen" und erst recht keinen "Genozid" in Kosovo. Von Beginn 1998 an, als die serbische Polizei ihren Kampf gegen die bewaffneten Rebellen der "Kosovo Befreiungs-Armee" (UCK) aufnahm, begaben sich westliche Journalisten täglich von Pristina aus in gepanzerten Fahrzeugen auf die Suche nach Geschichten über "serbischen Gräueltaten", die ihre Herausgeber haben wollten. Sie stießen nie auf etwas, das es mit Waco, Texas hätte aufnehmen können. Es gab eine kurze Aufregung im August, als der deutsche Reporter Erich Rathfelder über ein "Massengrab mit 567 Leichen" in Orahovac berichtete. Diese Geschichte, beruhend auf der Aussage eines einzigen albanischen "Augenzeugen", stellte sich als Erfindung heraus. Zwei Wochen später wurde ein wirkliches Massengrab mit 22 Leichen im Dorf Klecka entdeckt, konnte das Interesse der Medien aber nicht wecken - die Opfer waren offensichtlich Serben und die Mörder UCK-Leute. Auch die drei Dutzend ermordeten Zivilisten, die 14 Tage später im Kanal des Radonjic-Sees gefunden wurden, waren nicht interessant. Obwohl unter den Ermordeten auch ethnische Albaner waren, war das uninteressant, da sie von UCK-Killern, nicht von Serben getötet worden waren (14).

Endlich fanden am 29. September 1998 Reporter, die ins Dorf Gornje Obrinje geführt worden waren, die Leichen von 16 Albanern, die einige Tage zuvor ermordet worden waren. Reuters berichtete, dass keines der Opfer, darunter ein Kleinkind, irgendeine Beziehung zur UCK hatte. Die westlichen Medien übernahmen sofort die albanischen Beschuldigungen, die Morde wären von einer "Spezialeinheit" der serbischen Polizei begangen worden. Wie üblich, wurden serbische Dementis ignoriert.

Wer immer auch die Morde in Gornje Obrinje begangen haben mag, die Annahme, dass dieses Verbrechen die

Zustimmung der Serben gefunden hat, erfolgte aus zwei Gründen wider besseres Wissen. Erstens lässt sich nicht die leiseste Spur von Zustimmung finden. Zweitens nehmen sehr viele, vielleicht die meisten Serben an, dass dieses Verbrechen von der UCK selbst begangen worden ist, möglicherweise um albanische Zivilisten zu eliminieren, die sie nicht unterstützten, wie wir auch aus anderen Fällen wissen. Warum sollte auch die serbische Polizei einen Haufen unschuldiger Zivilisten gerade zu der Zeit ermorden, da die USA-Führer auf der Suche nach genau einem solchen Vorwand waren, um die NATO gegen Serbien loszulassen.

Der Massenmord von Gornje Obrinje fand schnell seinen Weg auf das Titelblatt der internationalen Ausgabe von Newsweek vom 12. Oktober, das ein Foto des getöteten Kindes und die Schlagzeile trug: "Wird die NATO den Leiden Kosovos ein Ende bereiten? - Serbien: Europas Außenseiternation" (15). Die Ungeduld, mit der dieses ungeklärte Verbrechen benutzt wurde, um NATO-Schläge gegen Serbien zu fordern, war offenkundig.

Viele Serben, besonders der Klerus der Serbisch Orthodoxen Kirche, verurteilten heftig die Brutalität der Polizeioperationen gegen die UCK. Die Meinungen in der jugoslawischen Gesellschaft waren diesbezüglich ebenso geteilt, wie sie es in jeder modernen Gesellschaft wären; einige betrachteten die Polizeioperationen als lächerlich übertrieben und nahezu sicher zum Scheitern verurteilt, andere dachten, die Polizei hätte alles notwendige zu tun, um die Ordnung wieder herzustellen, und viele machten sich einfach Sorgen, was bei diesem scheinbar hoffnungslosen und endlosen Konflikt herauskommen sollte. Aber es gab keine Predigten von "Rassenhass" und keine Kampagne, alle Albaner aus Kosovo zu vertreiben. Milosevic und seine serbische sozialistische Partei betonten immer wieder die Vorzüge der "multinationalen" Gesellschaft in Serbien. Das lässt sich schwerlich mit Hitler in Einklang bringen, der seine ganze Karriere hindurch gegen die Juden hetzte und die rassische Überlegenheit der Deutschen propagierte.

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Milosevics Kosovopolitik war insofern "nationalistisch", als sie darauf abzielte, Kosovo innerhalb Serbiens zu behalten und die albanische Mehrheit davon abzuhalten, die serbische Minderheit zu vertreiben. Es gibt keinerlei Hinweise auf Pläne, die albanische Mehrheit zu vertreiben, ein Unterfangen, das auch niemals die mehrheitliche Unterstützung der serbischen Wähler gefunden hätte. Milosevics großer Fehler war es, den Eindruck zu erwecken, er wisse das Kosovo-Problem zu lösen, was natürlich nicht der Fall war - ein Fehler, den jetzt die NATO begeht.

Der Pegel der Gewalt in Kosovo - so bedauerlich er auch war - war vor dem NATO-Überfall nicht höher als in vielen Krisengebieten in aller Welt und entsprechend den Aussagen vieler Beobachter durchaus unter Kontrolle zu bringen. Anfang 1999 verübte die UCK weitere Attacken auf serbische Polizisten, um Vergeltungsmaßnahmen der Regierung zu provozieren und den NATO-Überfall zu rechtfertigen. Am 24. März begannen die Bombenangriffe. Und damit brach die Hölle los.

Unsichtbarer Kosovo unter den Bomben

Drei Tage nach Beginn der Luftschläge berichtete das UNHCR, dass 4.000 Flüchtlinge aus Kosovo nach Albanien und Mazedonien gekommen seien. In den folgenden Tagen strömten zehntausende über die Grenzen nach Mazedonien, Albanien und in andere Teile Jugoslawiens, Montenegro und Zentralserbien. Nachdem die ausländischen Beobachter (unter Protest der serbischen Regierung, die sie weiterhin hier behalten wollte) vor dem Einsetzen der Bombenangriffe aus Kosovo abgezogen worden waren, war die Erklärung der Gründe für diesen Exodus gänzlich den NATO-Sprechern und denjenigen albanischen Flüchtlingen überlassen, die die westlichen Reporter und TV-Teams für ihre Interviews auswählten. Weder die einen noch die anderen konnten als unvoreingenommene Quellen bezeichnet werden. Für die NATO-Sprecher dienten serbische "ethnische Säuberungen" und "Genozid" als Rechtfertigung für ihre Bombenangriffe. Was die albanischen Flüchtlinge aus Kosovo betrifft, stehen die Dinge komplizierter. Einige, aber sicher nicht alle, waren gewaltsam vertrieben worden. Einige Familien von UCK-Angehörigen waren von der UCK aufgefordert worden, aus der Kriegszone in das sichere Albanien zu gehen, wie berichtet wurde. Andere flohen vor beiden, Serben wie UCK, um nicht mit Gewalt für die UCK rekrutiert zu werden. Sehr viele suchten Schutz vor den Bomben und den Kämpfen.

Es besteht jedenfalls kein Zweifel, dass "serbische ethnische Säuberungen" am meisten von den westlichen Medien

gefragt waren, und dass Albaner, die diesbezüglich etwas zu sagen hatten, weil es tatsächlich stimmte oder aus anderen Gründen, am ehesten auf den westlichen Fernsehschirmen auftauchten. Auf jeden Fall war es das einzige Thema, an dem die US-finanzierten Untersuchungsbeamten interessiert waren, die Beweise für die Anklage gegen Milosevic sammeln sollten.

Die offizielle NATO-Version lautete, dass Milosevic den Kosovo von seiner gesamten albanischen Bevölkerung ethnisch säubern wolle. Nach zehn Tagen Bombenangriffen gab Präsident Clinton bekannt, es sei die "eiskalte Absicht" Milosevics, "das Land Kosovo zu behalten, seine Menschen aber loszuwerden". Mitte April sagte Clinton dem amerikanischen Verband der Zeitungsherausgeber, Milosevic "sei entschlossen, jeden Widerstand gegen sein Regime niederzuschlagen, auch wenn das bedeute, Kosovo in eine leblose Wüste zu verwandeln". In der Tat waren die USA zu dieser Zeit entschlossen, jeden Widerstand gegen die Absichten der NATO zu brechen, auch wenn das bedeutete, Jugoslawien in eine leblose Wüste zu verwandeln.

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Am 10. Mai brachte das US-Außenministerium einen Bericht mit dem Titel "Die Ausrottung der Geschichte: ethnische Säuberungen in Kosovo" heraus, in dem gestützt auf die Aussagen von Flüchtlingen und Satellitenfotos davon ausgegangen wurde, dass geschätzte 90% der Kosovo-Albaner aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Das stimmte nicht, wie sich später herausstellte, aber bei der Präsentation des Berichts sagte Madeleine Albright, dieser "mache ohne jeden Zweifel klar" die Existenz "eines schrecklichen Systems von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit", einschließlich "systematischer Hinrichtungen" und "organisierter Vergewaltigungen" und dass sich "das Böse" als noch viel schlimmer herausstellen könnte.

Diese Beschuldigungen rufen andere Berichte aus den Annalen der Kriegspropaganda ins Gedächtnis, besonders den Bryce-Report, dessen wilde Geschichten über deutsche Grausamkeiten sehr dazu beitrugen, den Hass der Briten gegen die "Hunnen" anzuheizen und sie dazu brachten, enthusiastisch die beginnende Schlächterei des Ersten Weltkriegs zu unterstützen. Die Horrorgeschichten in dem Bericht von Lord Bryce stammten ebenfalls von Flüchtlingen, einer aus mehr oder weniger offensichtlichen Gründen bekannt unzuverlässigen Quelle. Dieser Bericht ergab, dass die deutschen Soldaten in Belgien "Mord, Vergewaltigung und Plünderungen" in einem Ausmaß begangen hätten, das es "in keinem Krieg zwischen zivilisierten Nationen in den letzten drei Jahrhunderten mehr gegeben habe" (16). Der Bryce-Report, ein Klassiker dieses Genres, enthielt eine aufregende erfundene Geschichte über deutsche Offiziere und Soldaten, die 20 belgische Mädchen auf dem Marktplatz in Liege vergewaltigt hätten.

Die Geschichte von der "Massenvergewaltigung am Marktplatz" tauchte auch während der Bombenangriffe auf

Kosovo wieder auf und landete schließlich im Philadelphia Inquirer in der Schlagzeile "Das serbische Vergewaltigungssystem", der eine lebendige Beschreibung des Lebens unter NATO-Bomben folgte: "In anderen Fällen werden Massenvergewaltigungen auf Stadtplätzen organisiert. Die Stadtbewohner werden zusammengeholt, um diese schrecklichen Vorgänge zu beobachten; Angst und Abscheu bewegen manchmal Einwohner, freiwillig zu fliehen (17). Eine allgemeine Beschuldigung, die nicht geprüft zu werden braucht, kann nie widerlegt werden und kann problemlos immer wiederholt werden (18).

Als durchsickerte, dass eine große Anzahl von Albanern noch immer in Kosovo lebte, sogar in die Bahn von NATO-Bomben geriet, wurden sie als "menschliche Schutzschilde" oder Geiseln beschrieben. Tapfer gab die NATO bekannt, das Risiko, sie zu töten, könne sie nicht abhalten, ihre humanitäre Mission weiterzuführen. Im Mai behauptete Clinton, 600.000 ethnische Albaner seien "gefangen in Kosovo, ohne Unterkunft und Nahrung, in Furcht vor der Rückkehr oder begraben in Massengräbern". Ganz egal, ob sie flüchteten oder blieben, die Kosovo-Albaner wurden als Opfer des serbischen Genozids betrachtet.

Am 11. Juni, nach Einstellung des Bombenterrors, erklärte Clinton, dass die Serben versucht hätten, "ein Volk von seinem Land auszulöschen und es loszuwerden, tot oder lebendig".

Am nächsten Tag begannen Nato-Truppen mit dem Einmarsch in Kosovo. Als sie Prizren, Pristina und andere Städte in Kosovo übernahmen, wurden sie von großen jubelnden Scharen gesund aussehender Albaner empfangen. Ganz offensichtlich war Kosovo nicht "sein Volk losgeworden" oder von den Serben "in eine leblose Wüste verwandelt worden."

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Sichtbarer Kosovo

Verschiedene Berichte sprechen von einer "fünftägigen Orgie des Hasses", die durch den NATO-Überfall ausgelöst wurde. Serbische Kräfte griffen die UCK an und schlugen sie zurück, trafen aber auch Zivilisten, besonders in den Stützpunkten der Rebellen im westlichen Teil Kosovos nahe der albanischen Grenze. Tausende Menschen wurden getötet einschließlich unschuldiger Zivilisten (nach dem letzten Stand der Untersuchungen waren es "nur" hunderte, d.Ü.). Vom jugoslawischen militärischen Standpunkt aus gesehen war es ein Verteidigungskrieg gegen eine dreifache Aggression: durch eine ausländische Invasion aus Albanien, das Stützpunkte und Nachschub an Kämpfern und Material für die UCK lieferte; durch eine lokale fünfte Kolonne, bestehend aus UCK-Rebellen und ihren Unterstützern und durch die NATO, die Luftangriffe zur Unterstützung der UCK und vielleicht auch zur Vorbereitung einer eigenen Bodeninvasion durchführte.

Berichten zufolge hatten in den Wochen vor dem Bombenüberfall US-amerikanische und britische Geheimdienstagenten, die unter dem Deckmantel der "Kosovo-Beobachter-Mission" unter der Führung von William Walker arbeiteten (dem ehemaligen US-Botschafter in El Salvador und Schlüsselfigur im Team Oliver North's, das in den 80ern die nicaraguanischen Contras bewaffnete), Kontakte mit UCK-Leuten hergestellt und sie unterrichtet und trainiert, NATO-Bomben und Geschosse einzuweisen, um "die jugoslawische Armee zu töten". Es ist völlig klar, dass nach dem Beginn der NATO-Bombenangriffe das erste, was die jugoslawischen Kräfte unternehmen würden, die rücksichtslose Ausrottung aller vermuteten Agenten war. Und soweit sie der UCK die Schuld daran gaben, dass sie die NATO zum Bombardieren gebracht hatte, war nicht zu erwarten, dass sie dabei zimperlich vorgehen würden.

Anfang Mai sagte ein politischer Vertreter der UCK namens Pleurat Sejdiu, die Berichte der UCK an das NATO-

Hauptquartier in Brüssel seien eine große Hilfe für die NATO-Piloten bei ihren Angriffen gegen serbische Panzer und Artillerie: "Die Unterstützung der UCK für die NATO ist noch immer sehr wichtig. Allein unsere geheimdienstliche Tätigkeit verursacht große Schäden und fordert große Opfer" (19). Effektiv oder nicht, die UCK war sicher bestrebt, eine verheerende "fünfte Kolonne" innerhalb Kosovos zu sein.

Nach dem Einsetzen der Bombenangriffe sagte Veton Surroci, Herausgeber der von Soros finanzierten Tageszeitung Koha Ditore und von den westlichen Führern besonders geschätzter albanischer Anführer der New York Times, dass er mit der Annahme der von den USA entworfenen Rambouillet-"Vereinbarung" auch "in Kauf genommen habe, dass diese Konsequenzen für die Menschen in Kosovo haben würde, wenn sie mit Gewalt durchgesetzt werden müsse für den Fall, dass die Serben nicht zustimmten - auch mit Risiken für die zivile Bevölkerung", da, wie er erklärte, "diese Art von politischen Vereinbarungen Krieg erfordere" (20). Kurz gesagt, die albanischen Nationalisten akzeptierten bewusst das "Risiko für die zivile Bevölkerung", um ihr politisches Ziel, die Unabhängigkeit von Serbien zu erreichen. Sie waren nicht überrascht über die serbischen Vergeltungsmaßnahmen gegen albanische Zivilisten, und es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass ihre amerikanischen Berater überrascht gewesen sein sollten. Die Auswirkungen auf albanische Zivilisten waren eine vorhergesehene Konsequenz, die als politischer Trumpf für die NATO verwendet werden konnte - und auch verwendet wurde.

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Über die tatsächlichen Vorgänge in Kosovo während des NATO-Bombenterrors wurde von den wenigen westlichen Journalisten berichtet, die sich dort aufhielten. Anfang Mai berichtete Steven Erlanger der New York Times, die Provinz sei keineswegs leer, und im Gegensatz zu NATO-Berichten seien viele ethnische Albaner im Militäralter in Freiheit. Er berichtete aus Prizren, dass manchmal eine Nachbarschaft in Panik verfalle und alle zu flüchten begännen, ohne gewaltsam vertrieben zu werden. Im Widerspruch zur Erklärung eines UNHCR-Sprechers in Albanien, der den letzten Flüchtlingsstrom als "die endgültige Säuberung von Prizren" bezeichnete, berichtete Erlanger folgendes: "Die Stadt ist keineswegs geräumt und viele Albaner, auch wenn sie Angst haben, bleiben hier, gehen aber kaum außer Haus" (21).

Paul Watson von der Los Angeles Times, der die ganze Zeit des Bombenterrors über in Kosovo geblieben war, schrieb später über NATO-Sprecher Jamie Shea: "Sogar in Kosovo konnte ich der Stimme des Herrn Shea aus dem Satelliten-TV nicht entkommen. Sie verfolgte mich zu den unmöglichsten Zeiten, Vorfälle abstreitend, von denen ich wusste, dass sie stimmten, und Sachen behauptend, von denen ich aus eigener Wahrnehmung wusste, dass sie falsch waren." Ein wichtiger Punkt: die übliche Ursache für die Verdrehung von Tatsachen in den Medien ist nicht der Journalist vor Ort, der, wenn er frei schreiben darf, sehr wohl lieber wahre Berichte verfassen würde, sondern die Herausgeber, die bestimmen, welche "Geschichte" geschrieben werden muss, die bekannten Kommentatoren, die die Tatsachen verdrehen, bis sie in ihr Konzept passen, und über allen die offiziellen Sprecher, infam wie Shea oder "unbekannt", die die Masse der Journalisten manipulieren, die von guten Beziehungen zu solchen "Quellen" leben, um den Wünschen ihrer Herausgeber zu entsprechen und ihre wohldotierten Jobs zu behalten.

Watson beschrieb die Gefühle der Hilflosigkeit von Menschen, die bombardiert werden. "Bomben können Wut

erzeugen, und wenn du die Leute 5.000 m über dir nicht erreichen kannst, musst du andere Wege finden, mit dieser Wut umzugehen. Meine Methode war, mich in meine Arbeit zu vergraben ... Aber andere, vielleicht schon mit Wut in ihren Herzen, wählten die Rache, legten Feuer, vergewaltigten oder mordeten. Nachdem der NATO-Luftkrieg zum Bürgerkrieg in Kosovo dazugekommen war, rächten sich die Serben am nächstliegenden, und hilflosesten Ziel: den ethnischen Albanern, denen zu helfen die NATO gekommen war" (22).

Ende Juni stellte der Herausgeber einer unabhängigen NATO-Zeitschrift fest: "In zunehmendem Ausmaß häufen sich die Beweise, dass die NATO-Aktion die größeren Flüchtlingsströme und die meisten Massaker auslöste" (23).

In Wirklichkeit war gar nichts überraschend oder auch nur ungewöhnlich am massiven Exodus von Zivilisten aus einem Gebiet, das plötzlich zur äußerst gefährlichen Kriegszone geworden war (24). Besonders in einem Bürgerkrieg, wenn Gefahr von allen Seiten droht, können Familien zum Schluss kommen, dass es gescheiter ist, zusammenzupacken und wegzuziehen. Dieser Schluss lag umso näher für Albaner, die wussten, dass sie bei Albanern, manche davon Verwandte, unterkommen würden, die eine nur relativ kurze Strecke entfernt in Albanien oder Mazedonien lebten (wo die Behörden und Hilfsagenturen sie allerdings in Lager steckten, statt sie zu der dort lebenden albanischen Bevölkerung gehen zu lassen, was ihnen zweifelsohne lieber gewesen wäre). Der furchtbare Lärm der Geschosse und die Explosionen in der Nähe lassen diesen Schritt umso leichter fallen.

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Während des Bombenüberfalls behauptete die NATO, rund 100.000 Albaner seien getötet worden. Danach sank die NATO-Zahl auf 10.000. Sicherlich wurden viele getötet. Aber das war kein "Holocaust."

Präsident Clinton jedenfalls korrigierte seine Rhetorik nicht. Im Gegenteil, er begann der Litanei angeblicher serbischer Verbrechen "die Vergewaltigung kleiner Mädchen" hinzuzufügen, ohne den leisesten Beweis für diese Beschuldigung zu haben. In seiner Rede am 22. Juni vor KFOR-Truppen in Mazedonien behauptete Clinton, die Serben hätten kleine Mädchen "en masse" vergewaltigt. In einer besonders virulenten Pressekonferenz am 25. Juni im Weißen Haus steigerte Clinton noch seine Rhetorik, um eine neue Phase des Krieges zu rechtfertigen: die Verhinderung jeglicher Unterstützung Serbiens beim Wiederaufbau der von den NATO-Bomben zerstörten Infrastruktur. Er ging davon aus, dass die Serben so lange den Wiederaufbau ihres Landes nicht verdienten, so lange sie Milosevic nicht absetzten. "Die Serben werden sich entscheiden müssen, ob sie seine Führung unterstützen oder nicht, ob sie glauben, es sei in Ordnung, dass all diese zehntausende Menschen getötet, all diese hunderttausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben, all diese kleinen Mädchen vergewaltigt und all diese kleinen Jungen ermordet worden sind", wütete er und fügte hinzu, dass, wenn sie das glaubten, sie keine Hilfe bekommen würden, "da ich nicht glaube, dass das in Ordnung ist".

Auf diese Weise wurde vom Präsidenten bestätigt, dass die Unfähigkeit, den rechtmäßig gewählten Präsidenten

Jugoslawiens mit welchen Mitteln auch immer zu stürzen, den Beweis dafür liefert, dass das serbische Volk Massenmord und "die Vergewaltigung kleiner Mädchen" billigt. Deswegen verdient es auch, ohne Heizung in den Winter zu gehen, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Fabriken und Arbeitsplätze und ohne Brücken, um ihre Flüsse zu überqueren. Auf dem G8-Gipfel in Köln schloss der britische Premierminister Tony Blair sogar humanitäre Hilfe an die serbischen Menschen aus, da "Menschen einfach nicht verstehen würden", für Menschen Geld auszugeben, die solch schreckliche Verbrechen gegen Kosovaren begangen haben. Seither hat die EU Exportsperren über nahezu alles verhängt, was Serbien irgendwie für die Reparaturen der von den Bomben zerstörten Kraftwerke, Brücken und Heizwerke benötigen könnte. Nach der spektakulären Zerstörungsaktion fährt der Westen fort, ein Land auf "sanfte" Weise umzubringen.

NATO's willige Helfer

Die Goldhagen-These betreffend Serbien ist nicht nur rein akademischer Natur. Dieser Harvard-Professor hat bewusst versucht, für einen aggressiven Eroberungskrieg zu motivieren. Seine schwerwiegenden und haltlosen Anschuldigungen haben den Hass gegen eine ganze Nation aufgestachelt.

Goldhagen behauptet, dass, wie die Deutschen und Japaner in den früher 1940ern, die "Mehrheit der Bevölkerung" in Serbien "fanatisch" an die Berechtigung krimineller Aktionen "glaube". Das ist schlicht und einfach falsch. Die Mehrheit der Serben ist sich über vieles nicht einig; viele, vielleicht die meisten Serben geben ohne zu zögern und bereitwillig - mit Bedauern - zu, dass Serben während der Bürgerkriege solche Verbrechen begangen haben und glauben, dass sie dafür bestraft werden sollten. Sie glauben auch, das heißt sie wissen (weil es wahr ist), dass ähnliche Verbrechen von anderen begangen worden sind und dass die USA und die anderen NATO-Staaten mit verschiedenen Maßstäben messen.

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Goldhagen erklärt, es werde solange keinen Frieden auf dem Balkan geben, "so lange die Serben den glühenden Hass des ethnischen Nationalismus in sich tragen". Die Serben, behauptet er, "sind jetzt gefangen in einer Umklammerung aus geistiger Verwirrung, Hass, einer immer mehr kriegslüsternen Gesellschaft und Kultur, Krieg und Tod."

Warum sollte man eigentlich nicht behaupten, dass zum Beispiel Harvard-Professoren "jetzt gefangen sind in einer Umklammerung aus geistiger Verwirrung und Hass"? Beweis dafür ist das, was die Harvard-Professoren, oder zumindest einer von ihnen, über die Serben sagen - und die anderen nicht abstreiten und ihn aus seinem Amt entfernen. Die Beweislage spricht in diesem Fall eher gegen die Harvard-Professoren als gegen die Serben, da man lange suchen muss, bis man eine dermaßen gehässige Tirade eines Serben gegen Albaner oder irgendwen anderen findet, und der Prozentsatz der Serben, die eine solche Vorverurteilung eines Volkes unterschreiben würden, ist sicher kleiner als der entsprechende Prozentsatz von Harvard-Professoren, auch wenn Goldhagen der einzige wäre.

Den Höhepunkt dieses Traktats von Goldhagen bildet die Behauptung, das serbische Volk "besteht aus Individuen mit einem gestörten Verhältnis zu moralischer Bewertung und ist in einen moralischen Abgrund abgesunken, aus dem es in absehbarer Zeit ohne Hilfe nicht mehr herauskommen wird." Durch die "Unterstützung oder Billigung von Milosevics Ausrottungspolitik" (die es außer in den Vorstellungen von Schreibern in der New Republik nie gegeben hat) haben sich die Serben "sowohl legal als auch moralisch als nicht imstande erwiesen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln" und "ihr Land muss in Abhängigkeit gehalten werden."

Dieses sollte geschehen durch eine NATO-Invasion, um Serbien die Wohltat derselben Behandlung zu erweisen, die die

Entnazifizierung Deutschlands bewirkte. Die "Unterstützer des Verbrechers, ein großer Prozentsatz der Serben, müssen zur Einsicht ihres Irrtums gebracht und rehabilitiert werden." Da es nie eine "virulent nationalistische Ausrottungsideologie" gegeben hat, wird es in der Tat schwierig sein, die Serben dazu zu bringen, diese aufzugeben. Goldhagen weiter zu den Erfolgsaussichten: "wenn die Menschen akzeptieren, dass es moralisch korrekt und weise war, Deutschland und Japan 1945 zu besetzen und umzuformen, ergibt sich daraus, dass sie grundsätzlich auch dafür sein werden, 1999 mit Serbien ähnlich zu verfahren."

Goldhagen hat also ein Schema. In seinem Schema sind weder Hitler noch der Holocaust einzigartige Vorfälle, sondern Modelle, Muster, die sich selbst reproduzieren und das wahrscheinlich weiterhin tun werden. Ein böses Land im Griff einer bösen Ideologie attackiert alle rundherum; es begeht Genozid; die Bevölkerung sieht darin nichts schlimmes und applaudiert sogar, da sie ja dem "glühenden Hass des ethnischen Nationalismus" verfallen ist; ja mehr noch, dieses abirrende Land glaubt sogar in "geistiger Verwirrung", dass es selbst das Opfer ist. Aber es gibt eine Lösung für dieses Problem: die "internationale Gemeinschaft", also die USA und ihre Verbündeten, muss das abirrende Land besetzen, seine Führer bestrafen und seine Bewohner "rehabilitieren", indem sie ihnen politisch korrektes Verhalten beibringt (Harvard darf sich in diesem Aufgabenbereich fette Verträge erhoffen). Dann werden alle glücklich weiterleben.

Nachdem diejenigen, die sich tatsächlich an den 2. Weltkrieg, Hitler und den Genozid der Nazis erinnern können, immer älter werden und wegsterben, erleben wir einen traurigen, aber zweifelsohne unausweichlichen und oft wiederholten Vorgang: die Transformation von Geschichte in Mythos. Nicht in einen beliebigen Mythos, geeignet für Märchenbücher: diese Art von aktivem Mythos wird gebraucht für die Absicherung von Macht. Dieser Mythos wird rituell wiederholt, um die Gemeinschaft einzuschwören und sie der Rechtmäßigkeit ihrer Identität zu versichern. Der 2. Weltkrieg ist nicht zur Quelle der Weisheit, sondern eines selbstgerechten Mythos geworden.

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Seit langem wurde eine außerordentlich große Menge von Lügen über Jugoslawien verbreitet, aufgenommen und eifrig geglaubt. Die grundlegenden Motive für das Lügen an sich liefern keine ausreichende Erklärung für dieses Phänomen. Warum Leute an der Macht lügen, ist leicht zu verstehen. Schwerer fassbar ist, warum andere Leute diese Lügen glauben. Die Lügen über Jugoslawien füllen offensichtlich eine Lücke und stoßen auf einen Bedarf, der weit jenseits strategischer Basen auf dem Weg zum kaspischen Öl oder anderer rein rationaler Gründe liegt - die es gibt, die aber bei weitem nicht ausreichen, um eine Illusion solchen Ausmaßes zu erklären.

Der grundlegende Mythos

Von Fukayamas "Ende der Geschichte" über Huntingtons "Kampf der Zivilisationen" und jetzt zum "humanitären Krieg" war das Establishment der USA unermüdlich auf der Suche nach Großen Ideen, die zur Neuen Weltordnung passen. Durchgehendes Merkmal dieser Großen Ideen ist ein totaler Zynismus, eingehüllt in eine rücksichtslose Selbstgerechtigkeit. Es gibt keine Spur von selbstkritischer Betrachtung (die Grundlage dessen, was einmal moralisches Bewusstsein war), die Motive der Macht, mit der sich die Ideologen identifizieren, stehen unerreichbar über allem. "Unser" System, "unsere" Zivilisation, "unsere" Werte haben sich als die besten erwiesen, wie "unser" Sieg über den Kommunismus beweist. Es bleibt nur die Frage offen, was wir brauchen, um die anderen auf unsere Linie zu bringen. Ist es leicht (Fukayama), schwierig (Huntington), oder eine willkommene Herausforderung für die NATO? Goldhagen trägt bei zur Entwicklung der dritten Möglichkeit, die unter dem Namen "humanitärer Krieg" bekannt ist.

Jugoslawien war der "gemeinsame Feind", den es brauchte, um Europa und die USA in eine neue missionarische

NATO zusammenzubringen. Diese neue moralisierende Atlantische Union entspricht offensichtlich den strategischen Interessen der USA. Aber europäische NATO-Führer und Medien haben die Dämonisierung der Serben mit gleichem Enthusiasmus verfolgt, nirgends mehr als in Frankreich. Die Reaktion Frankreichs mag dabei die bezeichnendste sein, da sie am meisten überrascht hat. Während der NATO-Bombenangriffe gab es mehr Proteste, mehr kritische Analysen in Italien und sogar in Deutschland als in Frankreich, dem historisch gesehen engsten Verbündeten Serbiens in Westeuropa. Ja mehr noch, während die USA und Deutschland erkennbare strategische und wirtschaftliche Interessen auf dem Balkan verfolgen, ist kaum abzusehen, dass Frankreich genug von der Beute abbekommen wird, um auch nur die Kosten für sein Kosovo-Abenteuer abzudecken. Heißt das, dass die Franzosen idealistischer sind? Dass sie an den "humanitären Krieg" glauben? Zu einem bestimmten Ausmaß vielleicht, zumal die französischen Medien insgesamt seit Jahren besonders einseitig berichtet haben und die Franzosen besonders schlecht informiert sind über die jüngsten Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien. In den höheren Kreisen in Frankreich wird der Krieg allerdings als amerikanisches Machtspiel gesehen und keineswegs als humanitäres Unterfangen. Dennoch ist praktisch keine öffentliche Kritik wahrzunehmen.

Die französische Elite, die die Regierung, die Wirtschaft und die Medien betreibt, hat sich seit Jahren zur Gänze einem einzigen Projekt verschrieben: der europäischen Union, errichtet um eine enge Partnerschaft mit Deutschland und zusammengeschweißt durch eine gemeinsame Währung, als einziger Möglichkeit für Frankreich, in der Welt des Konkurrenzkampfes der von den USA betriebenen "Globalisierung" zu überleben. Es gibt weit verbreiteten Ärger, wenn nicht schon ausgesprochene Desillusionierung über dieses Europa des Geldes. Dieses "Europa" besteht aus zu vielen Technokraten, zu vielen obskuren Vorschriften, zu viel Aufhebens um den Euro, zu vielen Lobbies und zu wenig Arbeitsplätzen, zu viel Konkurrenz und zu wenig Gemeinsinn.

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Die Europäische Union hat größeren Bedarf an einer gemeinsamen spirituellen Identität als an einer gemeinsamen Währung. Heutzutage kann es nicht mehr die Religion sein; Christentum ist nicht nur aus der Mode, ungeachtet des Papstes als Superstar ist es politisch nicht vertretbar, Europa mit der christlichen Religion zu identifizieren, da das das Risiko des Ausschlusses anderer Religionen mit sich bringen würde. Antikommunismus und Antifaschismus sind veraltet. Was bleibt übrig? Die Menschenrechte.

Europa braucht eine moralische Identität. Die perfekte Formel dafür, besonders für Frankreich, das stolz ist auf die Erfindung der Déclaration des Droits de l'Homme, sind die Menschenrechte - speziell Menschenrechte, die über nationalen Grenzen stehen und die Abschaffung der lange gehegten nationalen Souveränität rechtfertigen, die von den EU-Abkommen von Maastricht und Amsterdam gefordert wird.

1994 organisierten europäische Intellektuelle, hauptsächlich Franzosen, Treffen und Kulturveranstaltungen unter dem Slogan "Europa lebt oder stirbt in Sarajevo". Das war in der Tat stark übertrieben. Aber es zeigte den Bedarf, "Europa" mit einer dramatischen Sache zu verbinden, ähnlich dem Bürgerkrieg in Spanien, und die Intellektuellen, die diesen Bedarf wahrnahmen, verknüpften ihn mit einem völlig idealisierten "Bosnien" als Symbol für dieses "Europa", das, statt als technokratisch organisierte Großmacht an der Seite der USA nach der Weltherrschaft zu streben, eher ein freundliches Gebilde multiethnischer Zivilisation sein sollte - in Gefahr, von einem neuen Hitler zu Tode getreten zu werden.

Jugoslawien war das erste Land, das zur Gänze in den Schmutz der ideologischen Mythen des Zweiten Weltkriegs

gezogen wurde. Milosevic wurde zu "Hitler", die Serben wurden zu den neuen "Nazis", und ihre Gegner wurden alle zu Opfern eines potentiellen neuen "Holocaust". Die Bereitschaft, mit der europäische Intellektuelle das "Unglaubliche" glaubten, ihre Tiraden "wir glaubten es könne hier nicht geschehen", ohne sich die Mühe machen zu untersuchen, ob "es" tatsächlich geschah oder vielleicht auch nicht, verdient vielleicht den Begriff Schadenfreude.

Wenn sie schuldig sind, sind wir unschuldig

Sie sind natürlich die schrecklichen Serben, schuldig an allem, woran die Deutschen unter Hitler schuldig waren. Aber jetzt sind die Deutschen unschuldig und auf der Seite der Guten, so wie auch die gemeinsame Währung. Aus dem Nazismus wurde das Böse, das Europa und Deutschland ausrotten müssen.

Wir andererseits, wir sind (am westlichen Ende des Atlantiks) Amerika, die Neue Weltordnung, die eine letzte beste Hoffnung der Menschheit und so weiter; oder, an der Ostseite des Atlantiks, das neue Europa der Europäischen Union, das exakte Gegenteil des Alten Europas der Kriege zwischen den Nationalstaaten, des hinterhältigen Europas, dessen letzter (aber nicht mehr lange) überlebender Rest das serbische Jugoslawien ist.

Das ist ein Ritual, das Anthropologen beschreiben sollen. Mythos ist auf Geschichte gebaut und in eine Zeremonie übertragen, deren Rollen von den nachfolgenden Spielern auf der Bühne der Geschichte angenommen werden müssen. Zuletzt zum Sündenbock: Jugoslawien trägt alle Sünden der europäischen Vergangenheit, es repräsentiert alles, was Europa nicht ist oder nicht sein will. Es muss vernichtet werden. Nach den Bomben ein Embargo. Aushungern, weiter zerstören, bis nichts mehr übrig ist.

In Serbien plagen sich nachdenkliche Menschen mit der Frage: was können wir tun?

Sogar wenn Milosevic durch ein Wunder morgen zurückträte, gäbe es keine Gewissheit, dass sein Nachfolger nicht sofort von den westlichen Medien als Hitlers neuester Klon hingestellt würde. Dies würde wesentlich erleichtert durch die Karrieremoralisten des Establishments wie Goldhagen, die bereitwillig über den "moralischen Abgrund" schwadronieren, in dem die serbischen Menschen stecken, unfähig, sich selbst daraus zu befreien, ohne "in Abhängigkeit gehalten zu werden", sprich ohne ein Protektorat der NATO. Und die Zerstörung könnte weiter gehen, bis die Bedingungen reif sind für die erforderliche nationale Auslöschung des missliebigen Volkes.

Gefangen in einer derartigen Todesfalle - wie verantwortlich sind nun die serbischen Menschen für das, was mit ihnen geschieht? Und wie verantwortlich sind wir?

 

 

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ANMERKUNGEN

  (1) "NATO-General fordert Angriffe auf serbische Führer; die Einwohner von Belgrad müssen auch leiden, sagt er" von Michael R. Gordon, New York Times/ International Herald Tribune, May 14, 1999.
  (2) "Ist die serbische Wirtschaft das wahre Ziel? Angriffe scheinen die Förderung des Widerstands gegen Milosevic zum Ziel zu haben", von Joseph Fitchett, International Herald Tribune, Seite 1, May 26, 1999.
  (3) Clinton war gewarnt durch die US-Geheimdienste und den italienischen Ministerpräsidenten Massimo D'Alema (der die Auswirkungen auf Italien befürchtete), dass die Bombenangriffe eine Flüchtlingslawine auslösen würde, und der NATO-Befehlshaber Wesley Clark selbst bestätigte, dass die Militärs die serbische Reaktion auf die Bombenangriffe erwartet hätten, während er dabei blieb, die NATO-Operation hätte nicht das Ziel, ethnische Säuberungen zu stoppen. Siehe Noam Chomsky, The New Military Humanism: Lessons from Kosovo, Common Courage Press, Monroe, Maine, 1999, pp.20,21,36.
  (4) Siehe Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard:American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, Basic Books, 1997; sowie Masters of the Universe? NATO's Balkan Crusade, edited by Tariq Ali, Verso, London, 1999.
  (5) Siehe Chomsky, op.cit, pp.152-3.
  (6) "Der Schatten der Geheimdienste ... US überreichten Tribunal geheime Unterlagen", von William Branigin, Washington Post/International Herald Tribune, p.1, May 29, 1999.
  (7) Siehe Diana Johnstone, "Making the Crime Fit the Punishment", in Masters of the Universe? NATO's Humanitarian Crusade, Verso, London, 1999.
  (8) International Herald Tribune, May 31, 1999.
  (9) Newsweek, April 12, 1999.
(10) Daniel Jonah Goldhagen, "If you rebuild it... A New Serbia", The New Republic, May 17, 1999.
(11) Siehe Robert Thomas, Serbia under Milosevic: Politics in the 1990s, Hurst & Company, London, 1999, eine ungewöhnlich faire und detaillierte Übersicht über die konkurrierenden Strömungen in der serbischen Politik.
(12) Nach diesem Maßstab fänden sich eine Reihe von US-Präsidenten und andere Führer demokratischer Staaten vor Gericht, letzthin auch Präsident Clinton und Premierminister Blair, die die NATO-Truppen kommandieren, die die Polizei aus Kosovo vertrieben haben und dann wegschauten, als Killer der ethnisch albanischen NATO-Paramilitärs 14 Serben während der Heuernte niederschossen, unter anderem.
(13) Bis heute bleibt unklar, ob die in Racak getöteten ethnischen Albaner, wie von UCK und Vertretern der USA behauptet, unschuldige Zivilisten waren, die von der serbischen Polizei massakriert worden waren, oder, wie die serbische Regierung behauptet und von europäischen Beobachtern weithin geglaubt wurde, diese Rebellen waren, die in einem Gefecht mit der serbischen Polizei getötet wurden und über Nacht von der UCK zusammengetragen wurden, um den Anschein eines "Massakers" zu erwecken. Sicher ist, dass am Tag davor eine Polizeioperation und ein Feuergefecht mit UCK-Rebellen an dem Ort stattgefunden hatte, an dem die Leichen gefunden wurden.
(14) Soweit ich informiert bin, wurden Berichte über dieses Massaker besonders intensiv außerhalb Jugoslawiens von der gegen Milosevic eingestellten Association for Independent Media (AIM), die e-mail News an Abonnenten verschickt und unter anderem finanziell von der EU gefördert wird.
(15) Der Human Rights Watch-Ermittler für Kosovo, Fred Abrahams, wurde von Newsweek folgendermaßen zitiert: "Ich bin davon überzeugt, dass das unschuldige Zivilisten waren, die von serbischen Polizeikräften niedergeschossen worden sind, einfach wegen ihrer Volkszugehörigkeit". Abrahams mag "überzeugt" sein, aber es gab keine Beweise.
(16) Siehe Phillip Knightley, "Propaganda Wars", The Independent on Sunday, London, June 27, 1999.
(17) Rebecca Chamberlain and David E. Powell, "Das Vergewaltigungssystem der Serben; Verbrechen ist ein zentrales Element ihrer Militärpolitik. Slobodan Milosevic muss die Verantwortung tragen", The Philadelphia Inquirer, May 24, 1999.
(18) Dr. Richard Munz, ein Chirurg der Universität Bochum, der mit Hilfsorganisationen in Mazedonien arbeitete, sagte bezüglich des Bedarfs an Vergewaltigungsgeschichten, als er in der deutschen Tageszeitung Die Welt die Unfähigkeit der meisten Reporter beklagte, die Tatsache zu akzeptieren, dass die medizinischen Mitarbeiter unter den 60.000 Flüchtlingen in ihrem Lager nicht einen einzigen Fall von Vergewaltigung festgestellt hätten.
(19) Philip Smucker, "NATO schreckt zurück vor Taktik und Ideologie der UCK", The Washington Times, May 5, 1999.
(20) International Herald Tribune, March 27, 1999.
(21) International Herald Tribune, May 8, 1999.
(22) International Herald Tribune, June 23, 1999.
(23) Frederick Bonnart, editorial director NATO's Nations, in einem Gastkommentar in the International Herald Tribune, June 28, 1999.
(24) Zum Vergleich: nach dem deutschen Blitzkrieg durch die Ardennen in Südbelgien am 10. Mai 1940 flüchteten 1,2 Millionen Belgier innerhalb von drei Wochen. Belgien hatte damals ca. 8,5 Millionen.